Türken tragen Antisemit Erbakan zu Grabe

Mit seinem ewigen Gerede über böse Juden und eine islamische Weltrevolution war er nur noch eine marginale Figur. Trotzdem erweisen Hunderttausende Erbakan die letzte Ehre.

Am 27. Februar starb der einflussreichste Mann der jüngeren türkischen Geschichte. Necmettin Erbakan – Erfinder des türkischen Islamismus und zwischen 1996 und 1997 fast genau ein Jahr lang Premierminister – erreichte mit seiner „Saadet“-Partei zuletzt nur wenige Prozent der Wählerstimmen und schien mit seinem ewigen Gerede über böse Juden und eine islamische Weltrevolution eine marginale Figur geworden zu sein.

Aber hunderttausende Türken drängten sich am Dienstag in den Straßen Istanbuls, um ihm das letzte Geleit zu geben. Obwohl der Verstorbene selbst kein Staatsbegräbnis gewollt hatte, fehlte niemand aus der Regierung. Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan sagte sogar eine Reise nach Brüssel ab, um dem Begräbnis beiwohnen zu können. Das ganze Kabinett reiste mit nach Istanbul. Das Militär schickte den Kommandeur der Ersten Armee, General Hayri Kivrikoglu – obwohl die Militärs einst Erbakans Regierung gestürzt hatten und er wie kein anderer zur Ursache von deren politischen Entmachtung wurde.

Erbakan schuf den Politiker Erdogan

Der kurzgewachsene Führer der kleinen Saadet-Partei war in Wirklichkeit die Schlüsselfigur der türkischen Politik seit 1969. Erbakan schuf den erfolgreichsten Spitzenpolitiker der Republik seit Atatürk – den heutigen Ministerpräsidenten Erdogan, den er in den 90er-Jahren als Bürgermeister Istanbuls ins Rampenlicht katapultierte. Erbakan blieb bis zuletzt ein einflussreicher Drahtzieher: Im vergangenen Jahr erschütterte er das Gefüge der Nahostpolitik, als, inspiriert von ihm, eine „Hilfsflotte für Gaza“ bewusst einen internationalen Eklat provozierte, der Israel in die diplomatische Defensive trieb.

Ohne Erbakan kein Erdogan, ohne ihn keine islamische, aber dennoch friedliche und demokratische Umgestaltung der Türkei. Die Folgen strahlen auf die gesamte Region aus und auf Europa, das sich mit einer erstarkenden, islamischeren, fordernden Türkei auseinandersetzen muss. Zugleich war Erbakan aber auch die Spinne im Netz des internationalen Fundamentalismus, und sein Begräbnis wurde zum Familientreffen von Islamisten aus aller Welt. Anwesend waren unter anderen der tunesische Islamistenführer Raschid al-Ghannouchi und der einstige Führer der ägyptischen Muslimbruderschaft, Muhammad Mahdi Akif. Hamas-Chef Khalid Maschal wollte erst kommen, ließ sich dann aber doch vertreten, vielleicht um das Ansehen Ankaras zu schonen.

Viele dieser Glaubenskämpfer waren schon im vergangenen Jahr in Istanbul gewesen, zu einer Konferenz „für eine neue Welt“, zu der Erbakan geladen hatte. Eigentlich feierte man da den Start der „Hilfsflotte“ für Gaza. In der Abschlusserklärung hieß es: „Die beherrschende Ideologie der Siegerstaaten (…) ist der rassistisch- monopolistische Zionismus. Die Zentren dieser rassistisch-monopolistischen Ideologie sagen: ‚Wir sind die überlegene Rasse. Wir müssen die Welt führen. Andere Nationen müssen unsere Sklaven werden.‘“

Er gründete Milli Görüs

Das war Erbakan pur. Der alte Judenhasser wollte die islamische Weltherrschaft unter Führung der Türkei. Seine Bedeutung lag aber darin, dass er nicht Terror, sondern schlaue, langsame Strategien empfahl, um die Gesellschaft von unten her zu verändern. 1969 gründete er die „Milli Görüs“-Bewegung, deren Grundidee war, dass Muslime Firmen nach „islamischen Prinzipien“ gründeten, und dort möglichst alle Muslime investieren und einkaufen. So würde man die Wirtschaftsstruktur und die Eliten, auf Dauer schließlich auch die Regierung bestimmen.
welt

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: