Eine Kumpanei mit den Tätern auf Kosten der Opfer – Broder

Dass Christen verfolgt werden, wollen manche hierzulande nicht wahrhaben. Lieber verharmlosen sie das Attentat auf die Kopten in Ägypten.

Wer wen bedroht, ist keine Frage der Wahrnehmung. Im Falle der verfolgten Christen fällt es manchen Zeitgenossen schwer, zwischen Tätern und Opfern zu unterscheiden. Obwohl es ganz einfach ist. Vielleicht zu einfach.

Nachdem bei einem Anschlag islamischer Terroristen in Alexandria 21 Kopten getötet worden waren, erschien in einer Berliner Zeitung ein Kommentar, dessen Verfasser davor warnte, „das Entsetzen über diesen Anschlag auszunutzen”, um „das alte Thema der Christenverfolgungen wieder auf die Tagesordnung zu setzen”. Der Anschlag von Alexandria sei „einer von vielen Anschlägen, mit denen der islamische Terrorismus das ägyptische Regime zu erschüttern versucht. Die meisten der Anschläge betrafen Moslems und werden in Zukunft auch wieder Muslime treffen. Vom muslimischen Terrorismus werden vor allem Muslime getötet. Das ist seit Jahren so, und das wird sich auch nicht ändern”.

Man konnte bei der Lektüre des Beitrags den Eindruck gewinnen, der Autor wollte den Opfern des Anschlags zurufen: „Stellt euch nicht so an, normalerweise erwischt es Moslems, jetzt eben euch! Was soll’s?” Der Eindruck wäre nicht ganz falsch, wie der folgende Absatz bestätigte: „Christen werden überall auf der Welt verfolgt und diskriminiert. Jahrhundertelang wurden sie es vor allem von anderen Christen. Christen haben vor allem Christen auf die Scheiterhaufen geschickt.”

Man muss wirklich das Gemüt eines Fleischwolfs haben, um angesichts von 21 toten Christen an die Untaten zu erinnern, die während der Inquisition von Christen an Christen begangen wurden. Aber es kam noch besser: „Auch in Alexandria geht es nicht um die Christen, sondern es geht darum, wer die Macht über das Land erringt. Eine innermuslimische Auseinandersetzung.”

Folgt man dieser Logik, war auch der Holocaust irgendwie eine „inner-nationalsozialistische Auseinandersetzung”, denn es gab im NS-Apparat durchaus Leute, die der Meinung waren, man sollte sich auf den bewaffneten Kampf gegen den Bolschewismus konzentrieren, statt wertvolle Ressourcen beim Bau von Konzentrationslagern zu vergeuden. Bedauerlicherweise wurde diese inner-nationalsozialistische Auseinandersetzung auf dem Rücken der Juden ausgetragen, denen es sicher ein Trost gewesen wäre zu erfahren, dass sie gar nicht gemeint waren. Wie die Kopten in Alexandria heute.

Diese Art der Verharmlosung hat einen Namen: Kumpanei mit den Tätern auf Kosten der Opfer. Dabei ist die Sache einfach. Man muss sich nur fragen: Werden in christlichen Ländern Moslems an der Ausübung ihrer Religion gehindert, Moscheen abgefackelt, Häretiker drangsaliert und Konvertiten mit dem Tode bedroht? Oder ist das eher die Erfahrung von Christen, die das Pech haben, im Irak, in Pakistan und in Nigeria zu leben?

Vermutlich ist eine solche Überlegung zu einfach, nichts für sensible Differenzierer, die auf die Frage nach der Uhrzeit mit der Geschichte des Chronometers antworten, wie ein anderer Berliner Autor, der die Lage der christlichen Minderheiten in Ländern wie Ägypten und Irak „schwierig, sogar dramatisch” nennt, zugleich aber davon abrät, von einer „Christenverfolgung” zu sprechen, denn: „Das Wort von der Christenverfolgung setzt ihr Schicksal aber mit dem der frühen Christen gleich, die im Römischen Reich einst verfolgt, gekreuzigt oder den Löwen zum Fraß vorgeworfen wurden. Diese Gleichsetzung ist zumindest fragwürdig. Heute bilden Christen schließlich keine kleine Sekte mehr, die um ihr Überleben ringen muss, sondern die größte Religionsgemeinschaft der Welt.” Rein rechnerisch ist das sogar richtig, wenn es auch nichts an der Tatsache ändert, dass Christen eben dort verfolgt werden, wo sie in der Minderheit sind – also eher in Kabul als in Köln. Aber so lange sie nicht gekreuzigt oder den Löwen zum Fraß vorgeworfen werden, besteht kein Grund zur Sorge.
welt

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