Schwulen und Judenfeindlichkeit – „Antirassisten“ als Steigbügelhalter

So richtig und wichtig die aktuelle Aufregung ist, so wenig sollte vergessen werden, dass die Steinewerfer von Hannover überall im Land, auf Schulhöfen und in Jugendcliquen ihre Kumpane haben – und das seit vielen Jahren. „Du Opfer!“ und „du Schwuler!“ und „du Jude!“ – jeder Lehrer kennt es – sind gängige Beschimpfungen besonders von arabischen Heranwachsenden. Hartnäckig halten sich in diesem Milieu die klassischen, antisemitischen Stereotype, besonders in Deutschland. Warum Juden hier keine Steuern zahlen, fragte etwa ein Gymnasiast seinen jüdischen Lehrer. Den Besuch im Jüdischen Museum Berlin empfinden Schulklassen mit großem Migrantenanteil oft als Zumutung.

Die Sache in Hannover bringt daher nichts Neues ans Licht, sie markiert nur öffentlicher, krasser, was unter der Oberfläche brodelt. Gefüttert wird das Arsenal der Ressentiments noch zusätzlich, seit Hetzsender aus dem Mittleren Osten via Satellitenschüssel überall in Europa empfangen werden können. Was bei einheimischen Programmen sofort vom Staatsanwalt unter die Lupe genommen werden würde, sickert von dort ungehindert über den Äther ein. Nicht nur, dass der massenhafte Konsum solcher Sendungen die Sprachkompetenz der eingewanderten Jugendlichen reduziert; er verführt auch dazu, die Vorurteile zu verfestigen, die ohnehin in der Community grassieren. Dass Umfragen über Antisemitismus ein moderateres Ergebnis erbringen, sollte nicht täuschen: Was man in Deutschland offiziell hören will, weiß jeder, der mit einem schönen Fragebogen konfrontiert wird. Das Problem, der Antisemitismus unter muslimischen Migranten, existiert. Es ist verbreiteter, „normaler“, als die Gesellschaft wahrhaben will.
Tagesspiegel

„Rassismus“ ist ein Kampfbegriff

Politisch korrekt: Es geht um die Frage, ob Schwule Kritik an der offensichtlichen Schwulenfeindlichkeit vieler Jugendlicher aus dem Nahen Osten äußern dürfen oder ob dies „rassistisch“ sei. Eine Glosse.

Es gibt in der Welt nur wenig Bunteres als den Christopher Street Day – dort hat alles Platz, was nicht ausgesprochen hetero ist. Dachte man zumindest, bis nun der „transgeniale“ CSD auf den Plan trat und der eingebürgerten, ja traditionellen Veranstaltung eine politisch korrekte Variante entgegensetzte. Im Kern geht es um die Frage, ob Schwule Kritik an der offensichtlichen Schwulenfeindlichkeit vieler Jugendlicher aus dem Nahen Osten äußern dürfen oder ob dies „rassistisch“ sei.

Der Konflikt brach offen aus, als die US-Philosophin Judith Butler kürzlich den CSD brüskierte und den ihr dort angetragenen Preis ablehnte, mit Verweis auf diesen angeblichen Rassismus. Insofern trifft der Eindruck nicht ganz zu, dass die Spaltung der Veranstaltung alle Züge eines typisch deutschen Kampfs um Kaisers Bart trage. Doch es ist offenbar so, dass die Diktatur der politischen Korrektheit noch die schrägste Szene in der Mitte durchteilt. „Rassismus“ – das ist in dieser Situation ein Kampfbegriff. Wer ihn benutzt, wird unangreifbar. Dabei wäre es dringend notwendig, das Problem der offenen Schwulenfeindlichkeit offensiv anzugehen.
Tagesspiegel

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