Rückblick: Blutige Propagandaschlacht auf hoher See

Das Ziel stand eindeutig fest: Die Flotte „Free Gaza“ sollte mit 700 „Friedensaktivisten“ und 10.000 Tonnen Hilfsgütern an Bord einen Weg nach Gaza öffnen, auf dem dann „monatlich ähnliche Schiffskonvois“ folgen sollten. So Mohammed Kaya, der Leiter des Büros der „Internationalen Humanitären Hilfsorganisation“ (IHH) in Gaza, am 21. Mai.

Neben der „Free Gaza Bewegung“ (FG) und der „Europäischen Kampagne zur Beendigung der Belagerung Gazas“ (ECESG), war die türkische IHH Hauptsponsor der spektakulären Aktion mit sechs Schiffen, die nach eigenen Angaben „von Hunderten Gruppen und Organisationen weltweit“ unterstützt wurde. Drei weitere Schiffe waren wegen technischer Schwierigkeiten unterwegs liegen geblieben.

Zur Erinnerung: Israel blockiert den Gazastreifen, weil dort ein israelischer Soldat, Gilad Schalit, seit Sommer 2006 festgehalten wird – ohne jeden Kontakt zur Außenwelt. Nicht einmal das Rote Kreuz durfte ihn bislang besuchen. Zudem will Israel den Palästinensern klar machen: Der Beschuss Südisraels mit Raketen ist nicht akzeptabel. Vor dem Gazakrieg zum Jahreswechsel 2008/2009 waren mehr als 10.000 Raketen von Gaza auf Israel abgeschossen worden – seit Februar 2009 sind es schon wieder fast 500. Israels Premierminister Benjamin Netanjahu erklärt die Politik seiner Regierung „ganz einfach“: „Humanitäre und andere Güter kommen rein. Waffen und Rüstungsgüter nicht.“ Übrigens: Ägypten, das ohne jede Einflussmöglichkeit der Israelis die gesamte Südgrenze des Gazastreifens kontrolliert, hatte bislang seine eigenen Gründe, den Personen- und Warenverkehr mit dem von der radikal-islamischen Hamas beherrschten Küstenstreifen so weit, wie irgend möglich, einzuschränken.

Regelmäßige Hilfslieferungen waren bekannt

Seit Wochen hatte das israelische Verteidigungsministerium Journalisten detaillierte Listen mit Hilfsgütern vorgelegt, die ständig in den Gazastreifen geliefert wurden – vielleicht mit Blick auf die Gewitterwolken „Hilfsflotte“, die sich am internationalen Horizont zusammenbrauten. So liefert Israel pro Woche weit mehr Hilfsgüter nach Gaza, als der gesamte Schiffskonvoi „Free Gaza“ bringen wollte. Die Israelis beteuern: „Eine humanitäre Krise gibt es in Gaza nicht!“ Pro-palästinensische Hilfsorganisationen kontern, die Lieferungen reichten bei weitem nicht aus, um „die enormen Bedürfnisse der erschöpften Bevölkerung zu befriedigen“. Tatsache ist, dass schon kurz nach dem Gazakrieg die Märkte in Gaza-Stadt voll waren mit allem, was man zum täglichen Leben braucht. Benzin kostete dort im März 2009 genau halb so viel wie in Israel.

Israels Anliegen war erklärtermaßen nie, den Menschen im Gazastreifen die Lebensgrundlage zu entziehen. Bis heute steht das Angebot, humanitäre Hilfsgüter über den Hafen Aschdod und israelische Sicherheitskontrollen ihrer Bestimmung in Gaza zukommen zu lassen. Aber die „Friedensaktivisten“ der „Free Gaza“-Flotte lehnten dieses Angebot genauso ab, wie die Bitte von Noam Schalit, seinem Sohn Gilad ein Päckchen und einen Brief zu überbringen. Deshalb ist der Schluss des stellvertretenden israelischen Außenministers Danni Ajalon nicht ganz von der Hand zu weisen: „Die Aktion ‚Free Gaza‘ hatte niemals eine humanitäre Zielsetzung, sondern war eine Provokation, um die Hamas zu unterstützen.“ Interessanterweise scheint bislang weder Politikern noch Journalisten oder gar „Friedensaktivisten“ eingefallen zu sein, von der Hamas die Freilassung Gilad Schalits oder eine Einstellung des Raketenbeschusses zu fordern, um so Israel wenigstens die Begründung zur Blockade des Gazastreifens zu nehmen.

Mehrfach weigerten sich die Besatzungen der sechs Schiffe am frühen Morgen des 31. Mai 2010, der Aufforderung der israelischen Kriegsmarine Folge zu leisten und in den Hafen von Aschdod einzulaufen. So beschloss die israelische Führung, die Schiffe zum Kurswechsel zu zwingen. Auf fünf Frachtschiffen der Flotte „Free Gaza“ gelang es den Marinesoldaten problemlos, das Steuer zu übernehmen. Auf dem Passagierschiff „Mavi Marmara“ aber waren die „Friedensaktivisten“ gut auf die Ankunft der israelischen Soldaten vorbereitet – wie Aufnahmen der Sicherheitskameras auf dem Schiff sowie Filmaufnahmen von „Friedensaktivisten“ bestätigen. Mit Schockgranaten und einem starken Wasserstrahl sollten die Elitesoldaten am Entern gehindert werden. Filmaufnahmen der israelischen Armee zeigen, wie Soldaten, die sich von einem Hubschrauber auf das Oberdeck der Mavi Marmara abseilten, brutal zusammengeschlagen wurden. „Wir waren auf passiven Widerstand und friedliche Demonstranten eingestellt“ – und entsprechend bewaffnet, erzählt Hauptmann R., „und sahen uns Terroristen gegenüber, die uns töten wollten.“ Auf die Soldaten wurde auch scharf geschossen, die an Bord waren. Die Israelis entdeckten Patronenhülsen, die nicht von israelischen Waffen stammen.

Aktivisten wollten „Märtyrer“ werden

Eigentlich hätten die israelischen Soldaten und ihre Kommandeure von Engagement und Motivation der Blockadebrecher nicht überrascht sein dürfen. Einen Tag zuvor hatte Dr. Abd al-Fatah Schajjek Naaman, Gastdozent aus dem Jemen an der Universität Gaza, im Al-Aksa-Fernsehen der Hamas verkündet: „Sie werden Widerstand leisten, mit ihren Fingernägeln. Das sind Leute, die das Martyrium für Allah suchen. So sehr sie auch nach Gaza kommen wollen, das Martyrium ist doch erstrebenswerter.“ Tatsächlich gibt es Filmaufnahmen von Mitgliedern des Konvois „Free Gaza“, die ihren Wunsch „Schahid“, „Märtyrer“, zu werden, offen aussprechen. „Entweder Martyrium oder wir kommen nach Gaza“, verkündet eine Muslima leidenschaftlich zum Abschluss eines Berichts des arabischen Nachrichtensenders „Al-Dschasira“ vom 29. Mai 2010.

„Chaibar, Chaibar, o Ihr Juden! Die Armee Mohammeds kehrt zurück!“, brachten sich die „Friedensaktivisten“ auf der Mavi Marmara in Stimmung – mit Sprechchören, die einem Außenstehenden nur schwer verständlich sind. Chaibar ist eine Oase im Nordwesten der Arabischen Halbinsel, in der zur Zeit des Propheten Mohammed viele Juden wohnten. Zusätzlich waren dorthin noch die Juden geflohen, die Mohammed aus Medina vertrieben hatte. Der Ruf „Chaibar, Chaibar“ assoziiert eine Schlacht „gegen die Feinde, bis diese sich dem Islam unterwerfen.“ Diese Schlacht wurde vom Gründer des Islam ursprünglich im Jahre 629 geführt. Der „Bund von Chaibar“ beinhaltet einigen Auslegern zu Folge, dass die Moslems die Juden vertreiben dürfen, wann und wie immer sie wollen. Eigentlich hätte Israels Geheimdienst vorher wissen müssen, wes Geistes Kind die „Friedensaktivisten“ der „Free Gaza“-Flotte waren.

Die Opferzahlen waren übertrieben, wie bei Berichten von pro-palästinensischen Medien über israelische Militäraktionen mittlerweile schon üblich. Anfangs war die Rede von 19 Toten. Dann wurde auf 15 Tote korrigiert. Bis schließlich klar wurde, dass neun türkische „Friedensaktivisten“, von denen einer einen amerikanischen Pass hat ihr Leben verloren hatten. Sieben israelische Soldaten wurden teilweise schwer verletzt. Sie trugen unter anderem Knochenbrüche, Stichwunden im Unterleib und Schussverletzungen davon. Einer erlitt einen Schädelbruch.

Etwa 40 „Friedensaktivisten“ hatten keinerlei Ausweispapiere bei sich. Dafür waren sie aber mit Gasmasken, kugelsicheren Westen, Nachtsichtferngläsern und verschiedenen Waffen ausgestattet. Jeder dieser Männer hatte genau dieselbe große Summe Bargelds in der Tasche, alle zusammen mehr als eine Million US-Dollar. Israel vermutet, dass sie Al-Qaida-Söldner sind. Die Israelis stellten Knüppel, Eisenstangen, Messer, Metallgegenstände, Schleudern und Ketten sicher. Trotzdem bestreiten die Türken, dass sich irgendwelche Waffen an Bord der Mavi Marmara befunden haben könnten. Immerhin hätten die türkischen Behörden alle Passagiere mit modernsten Mitteln sorgfältig untersucht.

Zu diesen untersuchten Personen gehörte aber offensichtlich nicht das jemenitische Parlamentsmitglied Scheich Muhammad al-Hasmi, der sich vor dem israelischen Angriff mit seinem Krummdolch in entsprechender Pose auf der Mavi Marmara fotografieren ließ. Al-Hasmi gehört zur Al-Islah-Partei, die der ägyptischen Moslembruderschaft verbunden ist. Die Gegenwart von Parlamentsabgeordneten bei einer derartigen Aktion hätte eigentlich Garant dafür sein sollen, dass sie gewaltfrei verläuft. Doch Israel und die Welt hätte spätestens seit Jasser Arafats Rede vor der UNO im Jahre 1974, als sich der Palästinenserführer mit Olivenzweig und Pistole präsentierte, wissen müssen, dass waffenschwingende Volksvertreter in der arabischen Welt keineswegs verpönt sind.

Antisemitische Reaktionen in Internetforen

Reflexartig sprachen arabische Medien und ihre Sympathisanten vom „Massaker auf hoher See“. Israelis konterten, ihre Soldaten seien „gelyncht“ worden. In Online-Foren im Internet und im Facebook erfuhr das gesamte altbekannte, antisemitische Repertoire eine aktuelle Neuauflage. Lange bevor Fakten auf dem Tisch liegen konnten, zeigte sich die Welt schon einmal prophylaktisch empört über das blutrünstige Vorgehen des jüdischen Staates. „Tod den Israelis“ forderten Aufkleber in der Türkei, die, genau wie Fußballweltmeisterschaftsland Südafrika, ihren Botschafter in Israel zu Beratungen zurück-orderte. Das mittelamerikanische Nicaragua brach seine diplomatischen Beziehungen mit Israel ab.

Auf Initiative der arabischen Staaten beschloss die UN-Menschenrechtskommission (UNHRC) eine Untersuchung – wobei bereits die Resolution zur Einrichtung der Untersuchungskommission Israel hart verurteilt. Der israelische Kabinettsminister Benjamin Ben-Elieser meint, Israel habe von einer Untersuchungskommission nichts zu befürchten, weil es nichts zu verbergen gäbe. Allerdings glaubt in Israel seit dem Goldstone-Bericht kaum mehr jemand daran, dass eine UNO-Untersuchungskommission neutral sein kann. Der Iran bedankte sich ausdrücklich bei Europa für dessen harte Reaktion auf „Israels barbarische Kommandooperation“.

Innerhalb weniger Tage nach dem Vorfall hatte Israel schon alle Teilnehmer der „Free Gaza“-Flotte ins Ausland abgeschoben, einschließlich derer, die gewalttätig gegen israelische Soldaten vorgegangen waren. Unter den „Friedensaktivisten“ waren mehr als 100 Bürger aus elf arabischen Staaten, 380 Türken, aber auch elf Deutsche und vier Tschechen. Die Hilfsgüter der Flotte „Free Gaza“ wurden auf 33 Lastwagen verpackt. Acht Lastwagen warten am Grenzübergang Kerem Schalom und der Rest sitzt noch im Hafen von Aschdod fest.. Die Hamas verweigerte deren Einreise. Offensichtlich kann man auch in Gaza mit Medikamenten, deren Verfallsdatum bereits in der Vergangenheit liegt, der Kleidung, den Decken, Rollstühlen und dem Spielzeug nichts anfangen. Dafür hat aber Ägypten die Sorge, irgendwann doch von der Weltöffentlichkeit mit dem
Judenstaat in einen Topf geworfen zu werden – und öffnete die Südgrenze des Gazastreifens. Die nächsten Schiffe sind nämlich bereits auf dem Weg. Offensichtlich lohnen sich der finanzielle Aufwand und das persönliche Risiko der Beteiligten für den Propagandafeldzug der Feinde des jüdischen Staates.

Quelle

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