„Islamisten lesen keine Feuilletons“

Haben Sie eine Erklärung dafür, warum weltweit Linke, die traditionell säkularen Positionen verpflichtet sein sollten, zu einer Verteidigung des Islam neigen, während Menschen aus dem konservativen Spektrum diesen kritisieren?

Thierry Chervel: Ich glaube die Essenz der Kritik am Islam ist nicht konservativ, sondern klassisch liberal. Denn sie beruht auf einen emphatischen Begriff universaler Menschenrechte und der Aufklärung. Es mag ein Herkunftsproblem der Linken sein, dass sie kollektivistisch geprägt war und dem Individuum eigentlich nie einen besonders großen Stellenwert zugemessen hat. Die Befreiung des Individuums wurde von der Linken in eine zweite geschichtliche Phase in der Zukunft verschoben, nachdem sich der Sozialismus eingestellt haben sollte. Das bedeutet, dass dieser bestimmte Kollektivismus, der in der Linken vorhanden ist, somit in das Gegenteil ihrer nur offiziell säkularen Grundposition umschlägt.

Thierry Chervel: Die Medien sind bereits vor dem Islamismus zurückgewichen. Und wer die Mohammed-Karikaturen nicht abdruckt, sollte sie nicht auch noch, wie Thomas Steinfeld oder sein Kollege Andrian Kreye, plump und albern nennen, sondern sich zumindest eines Urteils über sie enthalten!

Können Sie sich vorstellen, dass die Islamdebatte noch weiter eskaliert?

Thierry Chervel: Inzwischen habe ich das Gefühl, dass die Debatte ein regelrechtes Hickhack geworden ist, wobei man klar sehen muss, dass es – entgegen allem, was die Kritiker der Kritiker sagen – gar nicht so viele Medien gibt, in denen sich die Islamkritiker wirklich äußern können. Letztlich sehe ich im Grunde bei den großen Zeitungen nur die WELT und ab und zu den Tagesspiegel oder die FAZ, wo Islamkritiker ihre Positionen darlegen können. Die Süddeutsche Zeitung z.B., angeblich ein liberales Organ, ist gegenüber diesen Standpunkten total verrammelt. Sie fährt zwar die härtesten Attacken gegen Islamkritiker, gleichzeitig existiert nicht der Hauch einer Chance der Erwiderung. Im Grunde ein zutiefst undemokratisches Verfahren für ein demokratisches Medium. So gesehen kann eine solche Debatte leicht steril werden, da die bekannten Standpunkte nur wiederholt werden.

Ist es möglich, dass radikale Islamisten durch die Feuilletondebatte zu weiteren Taten angestachelt werden? Schließlich ist es vorstellbar, dass die Reaktion in den westlichen Medien z.B. auf den Mordanschlag gegen Westergaard bei gewaltbereiten Muslimen nicht gerade eine abschreckende Wirkung erzielt hat.

Thierry Chervel: Ich glaube nicht, dass die Islamisten Feuilletons lesen. Aber die Verdrängung gegenüber den Schwierigkeiten, die uns der Islamismus bereitet, wird die Islamisten bestärken und säkulare Kräfte innerhalb der islamischen Bevölkerung schwächen. Man kann das ja beispielhaft bei Personen wie Necla Kelek sehen, die sich aus der islamischen der westlichen Kultur zugewandt hat, wie auf sie eingedroschen wird. Es hat den Anschein, als ob diese Zuwendung gerade nicht gewollt wird. Das Zurückweichen vor islamistischen Positionen wird also den Islamismus stärken, aber ich glaube auch, dass die political correctness, die dadurch geschaffen wird, rechtspopulistischen Kräften Nahrung gibt, die sich die Islamkritik unter ihren Nagel reißen wollen, um damit ihre eigene Agenda zu verfolgen. Das ist natürlich auch gefährlich. Aber es ist eben so, dass gewisse Sachverhalte in der Öffentlichkeit, etwa die Anzahl der Frauen mit Migrationshintergrund in Frauenhäusern, nicht angesprochen werden. Gerade dieser „tolerante“ Diskurs ist also gefährlich, weil er Tabuzonen schafft, in denen der Rechtspopulismus blühen kann.

Thierry Chervel: Der Begriff Islamophobie wird von den Gegnern der Islamkritik deshalb gebraucht, weil man damit einen Diskurs, der im Namen der Aufklärung spricht, zu einem irrationalen, einen nationalistischen und populistischen Diskurs erklären möchte. Es gibt einen Wunsch, eine Art Angstlust, dass die Islamkritik eigentlich so etwas ist wie Rechtspopulismus. Ich könnte mir vorstellen, dass man sich ärgert, dass Broder ein Jude und Kelek eine Muslimin ist, so dass sie eigentlich zu den Feindbildern der extremen oder populistischen Rechten gehören, denen man sie so gern zuordnen würde.

Es könnte auch sein, dass in den Köpfen immer noch sehr stark die Erinnerung an nationalistische Sprüche wie Türken raus! vorhanden ist und man deswegen den Rassismus gleichsetzt mit einer rationalen Kritik zum Islam …

Thierry Chervel: Es gab und gibt in Deutschland Fremdenfeindlichkeit und Rassismus. Wenn wir uns aber an die fremdenfeindliche Angriffe nach der Wiedervereinigung nicht nur in Ostdeutschland erinnern, richteten sich diese keineswegs gegen den Islam, sondern gegen alles, was anders war: Das waren Vietnamesen in Ost- und Türken in Westdeutschland. Sie richteten sich nicht gegen eine Religion, sondern waren ganz einfach rassistisch.

Wo unterscheidet sich die Islamkritik strategisch und begrifflich vom Antisemitismus oder vom Ausländerhass der Rechten? Welche Garantien können Sie geben, dass mitunter berechtigte Islamkritik den Rechten nützt?

Thierry Chervel: Religionskritik muss sein können: Was hat das Zölibat mit den immer neuen Meldungen über Kindesmissbrauch in der katholischen Kirche zu tun? Welchen Einfluss haben evangelikale Kirchen auf die Verfolgung Homosexueller in Uganda? Welches Gewaltpotenzial liegt im Islam und nicht nur im Islamismus? Ohne solche Fragen lässt sich Demokratie nicht verteidigen. Antisemitismus ist keine Religionskritik, sondern eine Verschwörungstheorie…..

Heise

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