„Da tun sich Abgründe auf“

The European: Die katholische Kirche wird derzeit von sexuellen Missbrauchsfällen erschüttert. Vergreifen sich auch Imame an kleinen Jungs?
Kelek: Die Falaka, das Schlagen auf Fußsohlen, gehörte früher in türkischen Koranschulen zum Konzept der schwarzen Pädagogik. Die Koranschulen in Deutschland sind immer noch geschlossene Institutionen, eine Kontrolle über das, was dort passiert, gibt es nicht. Überall wo Menschen hinter verschlossenen Türen mit kleinen Kindern zusammen sind, besteht die Gefahr, dass diese Macht missbraucht wird. Ich bin nur froh, dass wir in dieser Gesellschaft solche Dinge ansprechen können, ohne Angst um das eigene Leben zu haben. Wir müssen den Kindern die Sicherheit geben, dass sie darüber reden können und wir sie nicht alleine lassen. Anstatt sich zu schämen, sollten auch die muslimischen Opfer darüber sprechen. Da wird noch einiges rauskommen. Wir wissen zum Beispiel nicht, was in den konspirativen Koraninternaten überhaupt geschieht.

The European: Was müsste passieren, damit sich auch muslimische Opfer an die Öffentlichkeit trauen?
Kelek: Eine Revolution. Mit den Ungläubigen über Missbrauch reden? Ausgeschlossen. Über Sex reden? Ein Tabu. Aus religiösem Schamgefühl wird die Sexualität in der islamischen Community totgeschwiegen. Je weniger aber ein Kind über seinen eigenen Körper aufgeklärt ist, desto weniger kann es sich gegen Übergriffe schützen und desto leichter wird es zum Opfer von Missbrauch. Gleichzeitig verleitet das Tabu die erwachsenen Männer dazu, die Situation auszunutzen. Wenn öffentlich würde, was Ärzte aus diesem Umfeld zu berichten wissen, gäbe es einen Aufschrei. Da tun sich Abgründe auf. Bis sich also in den Moscheen Kinder und Jugendliche dazu bekennen, Opfer sexuellen Missbrauchs geworden zu sein, müssen wir noch eine Menge Vorarbeit und kritische Auseinandersetzung leisten.

The European: Und wie wirkt sich das auf die Islamkonferenz aus?
Kelek: Ich vermute, dass die Islamverbände sich der Diskussion um Grundrechte nicht stellen werden. Sie wollen über Islamophobie und Diskriminierung des Kopftuches sprechen und ihre Anerkennung verlangen. Es geht ihnen nicht um Integration, sondern um ihre Ideologie. Sie beklagen öffentlich ihr Leid und vor Gericht das Recht “auf ihr religiöses Leben” ein. Sie kennen Fatwas und den Kadi, demokratische Willensbildung ist ihnen fremd. Sie sind wegen des Kopftuchverbots bei Lehrerinnen, dem Schächten, wegen der Teilnahme von Mädchen am Schwimmunterricht und wegen des Religionsunterrichts vor Gericht gezogen. Die Islamkonferenz wird aber auch ohne die Glaubensparteien weitergehen, denn die Politik weiß, dass sie die Muslime als Bürger gewinnen muss, wenn die Integration gelingen soll. Auf diesem Weg werden die Muslime vielleicht endlich ihre Vormünder los.

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One Response to „Da tun sich Abgründe auf“

  1. Zelina sagt:

    Ich kann gar nicht glauben, was ich in letzter Zeit alles über den Missbrauch höre und lese. Früher waren die Kirchen und Schulen Institutionen die über alles erhaben waren. Jetzt schaut man langsam dahinter, dass da auch nur Menschen arbeiten. Ich bin tief enttäuscht.

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