Vorauseilende Vorsicht

Seit einiger Zeit wird in den Feuilletons heftig über das Thema Islamkritik gestritten. Einer der klügsten Beiträge, die wir dazu gelesen haben, stammt von Monika Maron. Die Schriftstellerin, die 1988 die DDR verließ, macht darin auf Parallelen aufmerksam zwischen den Mahnungen westlicher Intellektueller, Islamkritik nicht zu übertreiben, und der früheren Haltung der gleichen Kreise zur Kritik am Kommunismus.

Man lehnte die Unterdrückung in der DDR und der Sowjetunion zwar ab, doch betonte stets, dass es, bei aller Kritik, auch im Westen reichlich Ungerechtigkeit gebe. Die westliche Demokratie sei keinesfalls besser, sondern nur ein anderes unzulängliches System, das von Grund auf verändert werden müsse. Und schließlich gebe es im Sozialismus ja viele Errungenschaften, die man anerkennen müsse. Wer Freiheit für die Menschen in Osteuropa forderte, ohne zuvor ein antikapitalistisches Glaubensbekenntnis abzugeben, wurde als Kalter Krieger beschimpft. Maron sieht darin den Versuch, “die Deutungshoheit in einem Konflikt, an dem man mittelbar beteiligt war, an sich zu reißen und an den eigenen Interessen auszurichten”.

Aber war da nicht noch ein zweites, weniger intellektuelles, sondern sehr menschliches Motiv im Spiel, zumindest unbewusst: Angst? Auch damals gab es Diktaturen, die man unverhohlen und ohne Relativierungen verdammen durfte. Wer sich über die Militärregimes in Argentinien oder Chile empörte, konnte dies klar und deutlich tun, ohne gleichzeitig irgendwelche Errungenschaften zu loben oder auf die Mängel westlicher Demokratien hinzuweisen. Diese Unterdrückerstaaten waren weit weg, und es war ziemlich unwahrscheinlich, dass chilenische oder argentinische Panzer eines Tages nach Westeuropa rollen. Beim Ostblock sah das anders aus. Eine militärische Supermacht stand nur wenige Kilometer vom eigenen Wohnort entfernt. Es war im Bereich des Möglichen, dass man eines Tages selbst in den Machtbereich der Unfreiheit gerät.

Heute darf man ohne Umschweife den Psychoterror der Scientology-Sekte, die verklemmte Sexualmoral der katholischen Kirche, das Kastensystem der Hindus oder die rigide Frömmigkeit ultraorthodoxer Juden anklagen. Es kostet nichts, und man gilt dadurch als Anwalt der Freiheit. Anders beim Islam. Da wird jedes kritische Wort sofort mit einem Aufruf zur Mäßigung abgeschmettert. Schließlich solle sich der Westen doch mal an die eigene Nase fassen, siehe Kreuzzüge und Kolonialismus. Deutsche Schöngeister ermahnen muslimische Frauen, die mit ihrer Religion streng ins Gericht gehen, es doch bitte nicht zu übertreiben und keinesfalls so kompromisslos zu sein. Könnte es sein, dass auch diese Haltung von einem diffusen Angstgefühl befördert wird? Der Angst vor einer Zukunft, in der die Grenzen der Religionskritik nicht mehr vom deutschen Feuilleton gezogen werden?
Achse des Guten

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One Response to Vorauseilende Vorsicht

  1. lisarunde sagt:

    Es ist wirklich verwunderlich, wenn Journalisten Frauen, die für Ihre Menschenrechte eintreten, auffordern, nicht kompromisslos zu sein. Der fundamentalistische Islam ist ein Angriff auf die Menschenrechte der Frauen.
    Beoi den Menschenrechten darf es keine Kompromisse geben!

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