Kritik der Islamkritik Ihr habt mit Hass gekocht Von Necla Kelek

Der französische Aufklärer Voltaire schrieb 1740 ein Stück mit dem Titel „Der Fanatismus oder Mohammed der Prophet“. Dort charakterisierte er den Propheten des Islam als skrupellosen Machtmenschen und bekam prompt Ärger mit seinem König, der darin zu Recht eine generelle Religionskritik vermutete. Wenn Claudius Seidl in der Sonntagsausgabe dieser Zeitung (siehe Kritiker des Islam: Unsere heiligen Krieger) meint, ein Voltaire-Zitat paraphrasieren zu können, um das muslimische Kopftuch zu verteidigen, schießt er ein intellektuelles Eigentor. Er verkleinert den Voltaireschen Freiheitsbegriff auf einen Gag. Aber so witzig wie Voltaire (und Henryk Broder) ist er dann doch nicht. Thomas Steinfeld höhnt in der „Süddeutschen Zeitung“, Broder und ich würden mit denselben Mitteln für die Aufklärung streiten wie Islamisten für die Scharia, und nennt uns „Hassprediger“.

Alle Parteien versuchen seit dem Wahlkampf im letzten Jahr, das ihnen unangenehme Thema Islam und Integration der Muslime aus der öffentlichen Debatte herauszuhalten. Unangenehm, weil kein Fortschritt in Sicht ist. Der Dialog mit den Islamverbänden ist gescheitert, weil sie unfähig zum inhaltlichen Diskurs sind. Die Islamkonferenz – so hört man – soll umstrukturiert werden, um die Erfolgserwartungen zu dämpfen. Allen Verantwortlichen ist nach drei Jahren quälender Debatte klar, mit dem organisierten Islam wird keine Integration gelingen, man wird die Verbände allenfalls befrieden. Darum macht man die Sache klein. Da erscheint es als eine göttliche Fügung, wenn aus selbstberufenem Mund religionskritische Positionen grundsätzlich in Frage gestellt werden. Das Thema Islam soll so wie die Schweinegrippe erster Klasse beerdigt werden. Die konservativen Islamverbände wird es freuen, verkünden sie doch immer, dass ihre Religion frei von Fehlern ist.

In ihrem Überschwang stoßen die (von solchen Verdächten und Rücksichtnahmen natürlich freien) Kritiker der Islamkritik aber unbeabsichtigt eine Debatte über die Leitkultur an. Eine Debatte, die sie einst selbst zu verhindern suchten, als sie vor Jahren von einem Muslim, dem Politologen Bassam Tibi, angeregt wurde. Man fertigte Tibi ab, wie man gewöhnlich den wegbeißt, der sich nicht mit der Rolle des Impulsgebers begnügen will, sondern es wagt, an der Deutungsmacht der jeweiligen Platzhirsche zu zweifeln. „Westliche Werte“ kommen in diesen Beiträgen nur noch als negativ besetzter Kampfbegriff vor, und die Aufklärung wird gar zur „Siegerreligion“ erklärt.

Die „Süddeutsche“ verwechselt nicht nur die seit Max Weber unter Soziologen bekannten Unterscheidungen von Verantwortungs- und Gesinnungsethik, sondern unterstellt mir als Muslimin „christliche Islamkritik“, um dann zur großen Gleichmacherei anzusetzen. Islamkritiker werden zu „Fundamentalisten der Aufklärung“, ein Begriff, den als Erster übrigens der Mörder von Theo van Gogh benutzte. Die Verteidigung der Menschenrechte wird als Fundamentalismus denunziert, und Henryk Broder wird behandelt, als sei er Mullah Omar.

Ein vertrautes Täter-Opfer-Schema

Debatte In dieser neuerlichen Debatte fällt aber auf, dass der Anlass – der Islam und seine Rolle in einer demokratischen Gesellschaft – völlig untergeht. Es geht in diesem Streit weder um die reale Situation der muslimischen Frauen noch um das Staats- oder Freiheitsverständnis der Muslime in Deutschland. Die Debatte um Freiheit und Selbstbestimmung wird auch nicht mit den Muslimen oder gar in Moscheen geführt, sondern in der Parallelwelt einiger Redaktionsstuben und Institute. Man setzt sich nicht rational-kritisch mit islamischen Vorstellungen auseinander, sondern beschäftigt sich mit den Islamkritikern. Vielleicht reibt man sich ja an diesen Kulturvermittlern, weil man deren Methode der Kritik erkennt. Und es fällt auf, wie fremd ihnen islamisches Denken mit seiner anderen Begrifflichkeit bleibt.

Einen Menschen nicht als selbstverantwortliches Individuum, sondern – wie es der Islam praktiziert – als kollektives Sozialwesen zu denken, ist für viele, die nicht in einer solchen Gemeinschaft aufwuchsen, anscheinend doch nur schwer nachvollziehbar. Dass der Islam nicht nur spirituell, sondern durch die Scharia einen politisch-ideologischen Charakter herausgebildet hat, dass er Glaube und Politik ist, überfordert offensichtlich die Vorstellungskraft vieler Westeuropäer. Und so reagiert man reflexartig, wenn sich ein vertrautes Opfer-Täter-Schema anbietet.

Die seit Jahren von Islamstiftungen aus Saudi-Arabien angezettelte und unter den Wächtern des Islam verbreitete Debatte um Islamophobie und Rassismus ist dabei besonders bemerkenswert. Die Islamwächter versuchen, den Islam nicht nur als Religion, sondern als Wesen des Menschen zu verkaufen. Jeder Mensch ist ihrer Lehre nach per se ein Muslim. Kritik am Wesen des Islam ist folglich eine Schmähung des Unveränderlichen. Islamkritik ist deshalb Rassismus, Muslime sind Opfer, Kritiker Nazis, wie die „taz“ schreiben lässt.

Die Scharia gehört geächtet

Religionskritik ist in Europa nicht erst seit Luther und Lessing eine der Triebkräfte der Zivilgesellschaft, und ich lasse mir gerade als Muslimin von niemanden verbieten, meine Religion zu kritisieren. Aus Eigennutz, denn ich möchte, dass Muslime lernen, mit den Herausforderungen der Moderne umzugehen. Ich würde mir wünschen, mehr säkulare Muslime mit kritischem Verstand meldeten sich endlich zu Wort und setzten sich mit archaischen Traditionen genauso engagiert auseinander wie mit den Zumutungen der Bürgergesellschaft.

Wir Muslime haben in diesem Land unter diesen Bedingungen eine große Chance, uns mit erfahrenen Streitern darüber auszutauschen, wie Religion und Freiheit in einer modernen Gesellschaft gelebt werden können. Und wir können es hier, im Gegensatz zur islamischen Welt, ohne Angst tun. Wir dürfen diese Chance nicht verpassen. Ja, es geht mir um die Reform des Islam und darum, dass sich Muslime von politischen Ideologien lösen, säkularisieren und sich auf die spirituelle Kraft der Religion besinnen.

Ja , ich halte den Versuch, die religiöse Rechtleitung und die Vorschriften für den Alltag durch Tradition und Gesetz zu bestimmen, ich halte die Scharia für überholt. Sie gehört geächtet. Dieser Prozess wird keine „Zwangsmodernisierung“ von außen sein, die Muslime müssen es selbst tun. Ja, ich bin für den „westlichen Lebensstil“ und seine Werte. Das ist nämlich unser Rechts- und Sozialstaat, der nicht nur Muslimen Religionsfreiheit und genauso Freiheit von Religion gewährt. Und ich halte das Kopftuch für ein Symbol der patriarchalischen Bevormundung und religiös nicht durch den Koran legitimiert. Sollen die Frauen es tragen, wenn es ihnen gefällt, aber nicht, weil sie es müssen.

Faz

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