Im Gespräch mit Israels Präsident Peres „Mit Fanatikern sind Kompromisse nicht möglich“

Herr Präsident, das iranische Atomprogramm war wichtiger Gegenstand der deutsch-israelischen Regierungskonsultationen Anfang der Woche in Berlin. Wie groß ist die Gefahr, die von einem nuklear bewaffneten Iran ausgeht? Ist das eine existentielle Gefahr für Israel?

Es ist falsch, Iran nur für eine Gefahr für Israel zu halten. Das Land ist eine Gefahr für die ganze Welt, nicht nur für Israel. Besonders die arabischen Staaten sind äußerst besorgt, denn Teheran verschafft sich mehr als nur eine nukleare Option. Es ist eine Option mit Ambitionen, die viel weiter gehen: Die Iraner wollen den Nahen und Mittleren Osten dominieren. Sie erschüttern schon das politische System im Libanon, arbeiten mit Syrien und der Hamas zusammen. Bis nach Lateinamerika reichen ihre Bemühungen. Es ist ein neuer Imperialismus, der religiös verbrämt und motiviert zugleich ist. Überdies ist Iran zum Zentrum des Terrors geworden.

Lässt sich das Regime in Teheran nicht abschrecken oder eindämmen?

Mit Politikern kann man über Kompromisse reden. Mit religiösen Fanatikern wie denen in Teheran kann man keine Kompromisse schließen. Das gilt nicht nur für Israel. Auch ihr Hass auf Amerika geht tief, tiefer, als viele Amerikaner ahnen: Die Vereinigten Staaten nennen sie den „Großen Satan“, uns nur den „Kleinen“.

Was geschähe, wenn Iran über eine militärische Nuklearkapazität verfügte?

Der Nahe Osten wird mit hundertprozentiger Sicherheit nuklear aufrüsten: Die Türkei, Saudi-Arabien und Ägypten werden nachziehen. An dem Tag, an dem die Iraner über Atomwaffen verfügen, ist es zu spät, diese Entwicklung aufzuhalten.

Ich bin stolz darauf, dass uns in Deutschland konservative Parteien beistanden, damit wir uns selbst verteidigen konnten. Für mich schließt sich ein Kreis, der von meiner Kindheit bis zum heutigen Tag reicht. Das lässt mich überhaupt nicht unberührt.

Lassen Sie uns zurückblicken: Sie waren 1993 bei der Unterzeichnung des ersten Oslo-Abkommens im Rosengarten des Weißen Hauses dabei. Später wurden Sie zusammen mit PLO-Chef Arafat und Ministerpräsident Rabin mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet. Warum gibt es immer noch keinen Frieden? Was ist seit 1993 schiefgelaufen?

Ohne Arafat hätte es keinen Anfang der Verhandlungen gegeben, mit ihm konnten wir sie aber auch nicht zuende bringen. Ich hatte erwartet, Arafat werde Ordnung in seinem Lager mit den vielen bewaffneten Gruppen schaffen. Er tat es nicht Ben Gurion gleich, der eine einzige Armee und eine Regierung schuf. Stattdessen dauert bei den Palästinensern der interne Konflikt bis heute an. Selbst als wir schon ein Abkommen unterzeichnet hatten, ging der Terror weiter. Ich verlor deshalb viele Wahlen. Arafat hatte nicht die Kontrolle. Ich habe stundenlang mit ihm zusammengesessen und ihm gesagt: Wenn du dein Lager nicht einst, wirst du selbst Opfer werden. Genau das geschah dann. In Israel fragte man mich, wie ich so jemandem trauen und mich von ihm abhängig machen könne. Man kann viele Parteien haben, aber nur ein Gewehr. Wenn sie mehr Gewehre haben, schaffen sie Probleme für sich und andere. Auch Ministerpräsident Scharon traf eine mutige Entscheidung, als er alle Siedler aus dem Gazastreifen zurückholte. Es war nicht einfach, und es gab viel Streit. Wir setzten 45.000 Polizisten ein, das Ganze kostete uns mehr als zwei Milliarden Dollar. Kaum hatten wir Gaza verlassen, begannen sie, auf uns zu schießen. Bis heute sind die Palästinenser gespalten.

Liegt das auch und nicht zuletzt am Gaza-Krieg?

Einige Länder verstehen einfach nicht, mit wem und was wir es zu tun haben. Es ist sehr kompliziert, als Rechtsstaat gegen gesetzlose Terroristen zu kämpfen. Das können Sie in Afghanistan, im Irak und anderswo auf der Welt sehen. Der Goldstone-Bericht (der UN-Menschenrechtskommission, in dem Israel Kriegsverbrechen in Gaza vorgeworfen werden; die Red.) ist ein Skandal. Die Vereinten Nationen sind kein Organ der Rechtsprechung, sondern eine politische Organisation mit einer automatischen Mehrheit gegen Israel. Wenn es keinen objektiven Ausschuss gibt, gibt es keine objektiven Ergebnisse. Der Ausgangspunkt für die UN war, israelische Verbrechen in Gaza zu ermitteln. Israel hat Gaza aus freien Stücken verlassen. Jahrelang wurden wir dann von dort aus beschossen. 2000 Israelis wurden insgesamt getötet. Schweden konnte das nicht aufhalten. Aber uns wirft man vor, wir hätten absichtlich arabische Zivilisten getötet. Das ist verrückt! Wir verloren während des Gaza-Kriegs 13 eigene Soldaten durch „friendly fire“. Meinen Sie, wir haben das absichtlich getan? Dieser Kampf ist furchtbar kompliziert. Denken Sie dabei nur daran, was in Kabul, im Jemen und in Somalia passiert!

Aber warum solidarisieren sich trotzdem immer mehr Europäer mit den Palästinensern?

Weil sie unter dem Einfluss der Medien stehen. Deren Berichterstattung über Terroranschläge ist einseitig. Ich kritisiere das nicht, aber sie können nun einmal einen Terroristen nicht dabei fotografieren, wenn er eine Autobombe zündet oder jemanden erschießt. Sie fotografieren nur unsere Reaktion darauf. Die Öffentlichkeit gewinnt so den Eindruck, wir wachten am Morgen auf, hassten die Araber und handelten entsprechend. Das ist Unsinn, aber dieser Kampf ist verloren. Wir wurden zum Beispiel gefragt, warum während des letzten Krieges unsere Kinder nicht getötet wurden. Antwort: Wir verteidigten unsere Kinder eben, die Hamas-Kämpfer versteckten sich hinter ihren.

FAZ

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

w

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: