„Den Muslimen fehlt die Selbstkritik“

Die in der Türkei geborene deutsche Soziologin und Buchautorin Necla Kelek über die aktuelle Debatte zur Islamkritik, muslimische Funktionäre und die Überwindung der Scharia.

Die Welt: Sie gelten als „Islamkritikerin“. Was ist das eigentlich genau?

Necla Kelek: Die mich so bezeichnen, können das sicher besser beantworten. Ich glaube, dahinter steckt eine bestimmte Absicht, die nicht positiv ist. Ich habe Soziologie und Volkswirtschaft studiert, habe über „Islam im Alltag“ promoviert und beschäftige mich mit den gesellschaftlichen Dimensionen dieser Religion. Ich bin eine Muslimin, die sich kritisch mit ihrer Religion auseinandersetzt und den Islam für die Bürgergesellschaft öffnen will.

Die Welt: Wie kamen Sie zu Ihrem Lebensthema?

Kelek: Als ich zu studieren begann, war ich zunächst froh, der türkisch-islamischen Community entflohen zu sein, und habe mich ausschließlich mit „westlicher“ Philosophie und Methodik beschäftigt. Aber auch als Migrantin entgeht man seiner Sozialisation nicht, indem man ihr entflieht. Ich habe mich mit der Lage der türkischen Frauen in der Fremde beschäftigt. Manchmal kommt es mir so vor, als hätte das Thema mich gesucht. Irgendwann konnte ich nicht mehr wegschauen. Was in der türkischen Community vor sich geht, ist weit entfernt von dem, womit sich die herrschende Migrationsforschung beschäftigt.

Die Welt: Warum schwillt immer wieder die Kritik an Ihrer Person und anderen Islamkritikern an?

Kelek: Es liegt nicht an mir, sondern an der Realität. Aber es liegt auch daran, dass so wenig andere Muslime kritische Positionen beziehen. Mit Kritik lebe ich seit der Veröffentlichung von „Die fremde Braut“, und sie wird wieder aufflammen, wenn in ein paar Wochen mein neues Buch zum Islam erscheint. Zuerst war ich für einige Journalisten interessant, weil ich mit dem Thema „Zwang zur Ehe“ im Islam ein Tabu gebrochen habe. Da ich mich aber nicht mit der Rolle als Impulsgeberin zufriedengebe, sondern versuche, Strukturen und Hintergründe auszuleuchten, werde ich einigen vielleicht lästig. Ich deute und verlange ein Umdenken. Viele Migrationsforscher fühlen sich von mir nachhaltig gestört. Jahrzehntelang war die Rollenverteilung klar: Die muslimischen Migranten waren die Mündel, die durch Sozialarbeit gerettet werden mussten.

Die Welt: Kritiker nennen Sie eine „Fundamentalistin der Aufklärung“, da Sie nicht tolerant gegenüber dem anderen seien.

Kelek: Das große Problem ist, dass die westlichen Individualisten nicht nachvollziehen können, was der Islam ist. Sie denken, er sei nur eine Variante ihres Glaubens, eben eine mit Kopftuch. Der Islam ist aber ein System, das den Menschen als Sozialwesen und nicht als Individuum sieht, er fordert das Kollektiv. Das Christentum ist durch die Aufklärung nicht entchristlicht worden, und die Muslime werden durch die Ächtung der Scharia nicht zu schlechteren Muslimen. Sie müssen sich säkularisieren, müssen den ideologischen und politischen Charakter des Islam ablegen und sich auf die Spiritualität besinnen.

Die Welt: Was ist dann „Islamophobie“?

Kelek: Der Begriff soll beschreiben, dass Kritik am Islam eine irrationale, also unbegründete Angelegenheit ist. Es ist ein Kampfbegriff, der von Islamstiftungen in Saudi-Arabien aufgebracht wurde und jetzt auch bei uns die Runde macht. Man spürt in den Debatten auch ein männliches Ressentiment gegen jene Frauen, die bestimmte Auswüchse des Islam kritisieren: Seyran Ates, Hirsi Ayaan Ali oder auch Irshad Manji. Aber unterschätzen Sie auch nicht die Ressentiments von Frauen gegenüber ihren Geschlechtsgenossinnen. Die unsachlichsten Nachreden kommen meist von Redakteurinnen mit und ohne Migrationshintergrund.

Die Welt: Würden Sie sich als Feministin bezeichnen?

Kelek: Ohne die Frauenbewegung oder Persönlichkeiten wie Hildegard von Bingen oder Alice Schwarzer könnte ich mich nicht in der Öffentlichkeit für die Rechte der Muslimas einsetzen. Sie waren und sind meine Vorbilder, und solche Frauen braucht auch die islamische Welt.

Die Welt: Ist die Frauenfrage die zentrale Frage, wenn es um die Entwicklung und Befreiung von Gesellschaften geht?

Kelek: Auf jeden Fall. Die Entschleierung der Frau, also die persönliche und gesellschaftliche Gleichberechtigung, würde den Islam total verändern. Das wäre die eigentliche Revolution. Ohne die Gleichberechtigung der Frau bleibt der Islam ein Apartheidsystem.

Die Welt: Wer den Islam radikal kritisiert, wird oft seines Lebens nicht mehr froh, man denke an Rushdie, van Gogh, Westergaard, Hirsi Ali.

Kelek: Seitdem die Kritik vor fast tausend Jahren aus dem islamischen Denken verbannt wurde, hindert diese Gesellschaft sich selbst am Fortschritt und straft alle Dissidenten als Verräter ab. Der Zweifel als Triebfeder der Erkenntnis ist dem islamischen Denken verloren gegangen. Es ist auffällig, dass alle kritischen islamischen Denker im Westen leben.

Die Welt: Fühlen Sie sich einsam, manchmal sogar auf verlorenem Posten? Seyran Ates, die gerade ein Buch schrieb über die Notwendigkeit einer sexuellen Revolution in der muslimischen Welt, schweigt derzeit.

Kelek: Es mag so aussehen, als hätten Seyran Ates, Hamed Abdel-Samad oder ich als Muslime eine gewisse Alleinstellung, was Kritik am Islam angeht, aber wir sind nur die Spitze des Eisbergs. Ich habe viele deutsche und türkische Freunde und Bekannte. Ich sage, was sich viele leider nur zu denken trauen. Die Debatte zeigt, wie inhaltlich und argumentativ schwach der politische Islam in Deutschland ist, dass er nicht eine Person hervorbringt, die überzeugend die islamischen Verbände nach außen vertritt. Zum anderen zeigt sich, dass Personen wie ich, die weder institutionelle Macht noch ein universitäres Netzwerk haben, allein mit Fakten und Argumenten eine Debatte anstoßen können. Das zeichnet unsere Bürgergesellschaft aus.

Die Welt: Wie drückt sich Sympathie Ihnen gegenüber aus?

Kelek: Ich habe einen multikulturellen Freundes- und Bekanntenkreis, in dem kräftig diskutiert und gestritten wird. Ich bekomme viel Zustimmung in E-Mails, werde zu vielen Veranstaltungen eingeladen, mache Fortbildungen, lese, diskutiere und halte Vorträge. Zuerst waren es meist interessierte deutsche Zuhörer, inzwischen kommen auch viele Muslime und Migranten, vor allem Frauen. Sie wollen diskutieren, streiten, gehört werden. Auch wenn man gelegentlich versucht, sich an mir abzuarbeiten, habe ich das Gefühl, dass sich im Laufe der letzten Jahre einiges geändert hat. Das Schweigen ist gebrochen. Viele türkische Frauen sagen zu mir: „Wenn wir dich nicht hätten …“ Das macht mir Hoffnung.

Die Welt: Wie erleben Sie heute den Alltag zwischen Muslimen und Nichtmuslimen in Deutschland?

Kelek: Die Parallelgesellschaft funktioniert. Dort werden fast nur Zeitungen aus der Heimat gelesen, wird das türkische TV-Programm empfangen. Die Debatte, die jetzt in den Feuilletons geführt wird, erreicht nur eine verschwindend geringe Zahl von Muslimen. In den Moscheen ist Debattieren nicht vorgesehen, die Islamfunktionäre interessiert das nicht. Sie schotten sich ab, wollen in Ruhe gelassen werden, scheuen die Öffentlichkeit. Sie treten nur auf, wenn sie glauben, Ansprüche stellen zu können….

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One Response to „Den Muslimen fehlt die Selbstkritik“

  1. lisarunde sagt:

    Danke für Ihren Mut, Frau Kelek.
    Wir sollten alle Religionen ächten, die nicht mit den Menschenrechten vereinbar sind. Dies trifft nicht nur auf den Islam zu, sonder auch z.B. auf die katholische Kirche und Teile des evangelischen Kirchenverbandes.
    Nur religiöse Institutionen, die sich sich Wort und Tat zu den Menschenrechten bekennen, dürfen anerkannt und geschützt sein.

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