Spitzel in der Synagoge Die DDR und die Juden

Die Stasi hatte sie ständig unter Kontrolle. In ihren Synagogen saßen Spitzel unter den Betenden, in ihren Gemeinden arbeiteten IM der Staatssicherheit. Die Juden in der DDR waren der SED besonders suspekt.

„Mein Vater hat gesagt: Nur raus, das mache ich nicht noch mal mit. Nur weg.“ Henny Brenner war 1953 eine junge Frau, als sie gemeinsam mit ihren Eltern aus der DDR nach West-Berlin flüchteten. „Man hatte sich schon wieder unwohl gefühlt. Man hatte Angst. Dann sind wir, wie man so sagt hat, abgehauen, bei Nacht und Nebel, weg.“

Antijüdische Hetzkampagne

Sie hatten Angst, weil sie jüdische Wurzeln haben. Wie der Familie Brenner ging es Tausenden von Juden in der DDR. Sie waren der kommunistischen Staatsmacht suspekt, weil sie Kontakte in den Westen hatten, weil die Stasi ihre hebräischen Gebetsbücher als staatsfeindliche Schriften ansah oder weil sie Sympathie für Israel äußerten. Damals folgte die SED der von Stalin befohlenen antisemitischen Hetzkampagne.

Die Angst vor Verhören und Verhaftungen trieb im Frühjahr 1953 Tausende von Juden der DDR zur Flucht in den Westen. Die acht jüdischen Gemeinden in Ostdeutschland, die vor der Fluchtwelle rund 2600 eingeschriebene Mitglieder zählten, führten fortan ein Schattendasein. Viele Gemeindeangehörige passten sich an und kooperierten mit den Mächtigen. Am Ende der DDR hatten die Gemeinden nur noch 380 Mitglieder.

Die Angst war wieder da

Henny Brenner und ihre Familie ließen in Dresden alles zurück, fuhren mit dem Zug nach Berlin und gelangten über die noch offene Sektorengrenze in den Westteil der Stadt. Heute lebt Henny Brenner in der Oberpfalz. Nein, mit der Verfolgung während der Nazi-Zeit wolle sie die Bespitzelung durch den Staatssicherheitsdienst der DDR nicht vergleichen, sagt sie im Gespräch.

Doch man hatte Angst. Wieder Angst. Denn Henny Brenner und ihre Angehörigen gehörten zu den 175 Juden in Dresden, die kurz vor Kriegsende der Deportation ins KZ Theresienstadt nur dadurch entgangen waren, weil nach dem britischen Bombenangriff im Februar 1945 die Bahngleise zerstört waren.

Bespitzelt beim Gebet

ZDF-History zeigt in der Dokumentation von Dietmar Schulz, wie die SED die Überlebenden des Holocaust kontrolliert und drangsaliert hat. Die Stasi war mit Sicherheit dabei, wenn sich die jüdischen Gemeinden zum Sabbat-Gebet in ihren Synagogen versammelten. In den Gemeindeleitungen arbeiteten einige sogenannte Informelle Mitarbeiter der Staatssicherheit, kurz IM genannt.

„Die Strukturen der jüdischen Gemeinden in Ostdeutschland sind vom Staatssicherheitsdienst massiv unterwandert worden. Man hatte viele Informanten, die haarklein über alles Bericht erstatteten, was dort stattfand.“ So berichtet Dr. Hubertus Knabe, Historiker und Experte für die Aufarbeitung der Stasi-Unterlagen, im ZDF-Interview.

Geschändete Friedhöfe

Wie die SED mit den jüdischen Bürgern umgegangen ist, gehört zu den wenig bekannten Kapiteln der DDR-Geschichte. Es gibt immer weniger Zeitzeugen, die bereit und in der Lage sind, die Bespitzelung durch die Stasi sowie die Verfolgungen in den fünfziger Jahren detailliert zu schildern. Etliche Interview-Anfragen wurden ablehnend beantwortet. Mehrere Male hörten wir zur Begründung, man wolle „von dieser Geschichte nichts mehr hören“. Andere Gesprächspartner meinten, ihre Gemeindeführung habe sich von der SED politisch zu sehr einspannen lassen.

In den Stasi-Akten und Dokumenten im Bundesarchiv in Berlin finden sich Papiere, die ein anderes trauriges Kapitel des jüdischen Lebens in der DDR offenbaren: Die Schändung jüdischer Friedhöfe. Die Stasi ermittelte zwar in den meisten Fällen die Täter, doch wurden die Vorfälle geheim gehalten. Auch über Gruppen von Rechtsradikalen in der DDR wurde in der SED-Presse nicht berichtet. Solche Vorfälle passten den Mächtigen nicht ins Bild des Staates, in dem, wie die DDR-Propaganda stets behauptete, der „Faschismus mit Stumpf und Stiel ausgerottet“ gewesen sei.

„Den Juden Gutes tun“

Erst nach der Wende, so der Historiker Hubertus Knabe, habe sich beim Öffnen der Stasi-Akten gezeigt, dass es „einen breiten Bodensatz von rechtsradikalen und antisemitischen Stimmungslagen in Ostdeutschland gab“.

ZDF

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