Islamophobie macht Karriere

Von Richard Herzinger

In deutschsprachigen Feuilletons sind «Islamkritiker» neuerdings Zielscheibe heftiger Attacken. So wurden in der «Süddeutschen Zeitung» und der «Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung» Autoren wie Henryk M. Broder, Necla Kelek und Ayaan Hirsi Ali, die im Namen des westlichen Säkularismus, Pluralismus und westlicher Demokratie gegen totalitäre Tendenzen im Islam streiten, als «Hassprediger» beziehungsweise «heilige Krieger» bezeichnet und so mit gewalttätigen Islamisten auf eine Stufe gestellt.

Nun mag es ja in der Argumentation dieser und anderer islamkritischer Autoren bisweilen an Schärfe der Trennung zwischen dem Islamismus als religiös-politischer Ideologie und «dem Islam» als einem weit komplexeren kulturellen Gebilde mangeln. Für die Diskussionskultur verheerend ist jedoch der Versuch, unter dem Sammelbegriff «Islamophobie» Verteidiger universeller individueller Freiheiten gegen religiösen Kollektivismus mit fremdenfeindlichen Muslimhassern in einen Topf zu werfen. An diesem Versuch beteiligte sich kürzlich – ebenfalls in der «Süddeutschen Zeitung» – leider auch Wolfgang Benz, der renommierte Leiter des Berliner Zentrums für Antisemitismusforschung. Als Beleg für «die Diffamierung der Muslime als Gruppe durch sogenannte » führte er lediglich einige abstossende Kommentare aus rechtslastigen Internetforen an.

Auf dieses dünne Material stützt Benz eine weitreichende These: die von der Deckungsgleichheit zwischen «Islamfeindschaft» und Antisemitismus. Zwar setzt er beides nicht ausdrücklich gleich. Bei seiner Darstellung der Parallelen wartet man jedoch vergeblich auf eine Verdeutlichung der Unterschiede, die zu einem Vergleich jenseits der Gleichsetzung zwingend gehören.

Antisemitismus ist jedoch nicht einfach eine besondere Spielart religiöser, kultureller oder rassistischer Ausgrenzung. Antisemiten sehen in den Juden die physischen Träger einer Art von geistigem Bazillus, der die «Volksgemeinschaften» von innen heraus zersetze – gerade dann, wenn es den Juden gelungen sei, sich an sie bis zur Unkenntlichkeit anzupassen. In der rassistischen Phantasiewelt des Antisemiten mag die Vorstellung, von «farbigen Völkern» (Oswald Spengler) überrannt zu werden, eine wichtige Rolle spielen. «Der Jude» jedoch erscheint ihm als der Drahtzieher, der diesen Ansturm des Fremden überhaupt erst ermögliche. Der Antisemitismus bietet somit eine umfassende Welterklärung an, in der alle vermeintlichen Übel der modernen Zivilisation auf eine einzige Ursache zurückgeführt werden – die Wühlarbeit «des Juden».

Was den Antisemitismus darüber hinaus von üblichen «Phobien» gegenüber fremden Völkern, Religionen und Kulturen unterscheidet, ist sein rein fiktiver Charakter. Wie vollständig jenseits aller Wirklichkeit Antisemiten operieren, zeigt sich allein daran, dass sie bis heute an der These von den jüdischen Weltherrschaftsplänen festhalten, obwohl auf dem gesamten Planeten gerade einmal vierzehn Millionen Juden leben. Anders als beim Islam und beim Christentum handelt es sich beim Judentum zudem um keine Missionsreligion. Niemals hat es eine jüdische politische oder religiöse Instanz gegeben, die eine – womöglich gar gewaltsame – Bekehrung der ganzen Welt zum Judentum propagiert hätte. Derartige Vorstellungen wurden vielmehr von den Antisemiten auf «die Juden» projiziert und mit Hilfe gefälschter Machwerke wie der berüchtigten «Protokolle der Weisen von Zion» überhaupt erst in die Welt gesetzt.

Aversionen gegen «den Islam» mit dem Antisemitismus gleichzusetzen, abstrahiert von der Tatsache, dass es nicht nur eine reale Bedrohung durch den islamistischen Terrorismus gibt, sondern auch mächtige islamische Staaten und Organisationen, die nicht nur die Auslöschung Israels, sondern die «Bekehrung» der ganzen Menschheit zu einer «islamischen Ordnung» propagieren, in der unter Berufung auf religiöse Gebote schlimmste Menschenrechtsverletzungen praktiziert und gerechtfertigt werden. Allerdings: Tendenzen, «die Muslime» dafür kollektiv verantwortlich zu machen, muss man entschieden entgegentreten. Das gelingt aber nicht, wenn man jeglichen Zusammenhang zwischen dem politischen Islam und seinem islamischen Glaubenshintergrund schlichtweg ignoriert.

Ein Kommentator des Berliner «Tagesspiegels» erklärte kürzlich, die Kritik an der Parallelisierung von Antisemitismus und «Islamophobie» offenbare den «fatalen Hang, eine Opferhierarchie zu errichten». Es ist irritierend, solche Urteile aus der Richtung einer linksliberalen Öffentlichkeit zu vernehmen, die bei Vergleichen zwischen nationalsozialistischen und kommunistischen Verbrechen äusserst empfindlich zu reagieren pflegt. Derartige Vergleiche ziehen schnell den Vorwurf nach sich, es solle damit die Einzigartigkeit der NS-Untaten relativiert werden. Wer sich hingegen der Parallelisierung von Antisemitismus und «Islamophobie» widersetzt, gerät in Verdacht, er würdige, so der «Tagesspiegel»-Autor, «die Opfer anderer Rassisten als weniger beachtenswert herab».

Auf einer «Opferhierarchie» muss allerdings insofern bestanden werden, als die nationalsozialistische Judenvernichtung – aber auch der leninistisch-stalinistische Massenterror – ja wohl eine völlig andere Dimension von Verbrechen darstellt als tatsächliche oder vermeintliche Ungerechtigkeiten gegenüber Muslimen in westlichen demokratischen Gesellschaften. Dass Muslime heute auch nur annähernd ähnlichen Diskriminierungen und Verfolgungen ausgesetzt seien wie einst über Jahrhunderte hinweg die Juden, ist eine groteske Unterstellung. Islamische Ideologen benutzen sie freilich, um den Westen zu diffamieren. Man sollte sich davor hüten, dieser Propagandalüge durch irreführende Vergleiche auch noch einen wissenschaftlichen Anstrich zu verleihen.
AchGut

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One Response to Islamophobie macht Karriere

  1. hansi hintermeier sagt:

    klare aussage, da geibt es wenig hinzu zufügen ausser: bin ganz ihrer meinung.

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