«Die Schweizer haben keine Moscheen angezündet» Lesepflicht

Von Leon de Winter

Lassen Sie uns nicht um den heissen Brei herumreden: Das Ergebnis der Abstimmung zum Minarettverbot ist der x-te Beweis dafür, dass die politische und journalistische Elite das Ausmass des Unmuts in der Bevölkerung über die Präsenz grosser Gruppen von Muslimen drastisch unterschätzt hat.

Dies ist kein ausschliesslich schweizerisches Phänomen. In jedem europäischen Land mit einer muslimischen Minderheit ist dieser Unmut schon aufgetreten. Und die Essenz des Unmuts Frustration. Frustration darüber, schweigen zu müssen über die Entstehung muslimischer Ghettos. Über die Kriminalität junger Muslime. Über die Arbeitslosigkeit unter Muslimen. Über ihren Mangel an Sprachkenntnissen. Über die Art, wie muslimische Frauen sich kleiden. Über die Abneigung, die manche Muslime dem neuen Land gegenüber zu haben scheinen. Über den Mangel an Dankbarkeit bei diesen neuen Migranten, die aus Armut geflohen sind und ihr muslimisches Vaterland verlassen haben, aber dem neuen Land gegenüber zu oft Abscheu empfinden.

Politische Tabus

Nicht zuletzt ist es Frustration auch über die Tabus, die von der politischen und journalistischen Elite aufrechterhalten werden und ehrliche Diskussionen verhindern. Ich kenne die Situation in der Schweiz nicht, aber ich kenne jene in den Niederlanden, und ich kann mir nicht vorstellen, dass eine ähnliche Abstimmung hier anders ausgegangen wäre.

Bei den Niederländern ist ein tiefer Zorn entstanden über die Art, wie die politische Elite die Immigration von Muslimen begleitet hat. Inzwischen hat sich in den Niederlanden eine neue Unterschicht herausgebildet, bestehend aus jungen Muslimen, die nicht am gesellschaftlichen Leben teilnehmen. Dadurch entsteht die Gefahr, dass diese jungen Muslime sich radikalisieren, sich noch stärker von der Gemeinschaft abwenden und davon zu träumen beginnen, am internationalen Jihad teilzunehmen. Gemäss Schätzungen des niederländischen Geheimdienstes gibt es in den Niederlanden 2500 junge Muslime, die in einem gefährlichen Mass radikal sind.

Viele Menschen haben genug davon, zu hören, dass der Islam eine Religion des Friedens und der Toleranz sei, während ein grosser Teil der islamischen Welt aufstöhnt unter Tyrannei, Rückständigkeit, Frauenhass, Armut. Das Misstrauen gegenüber dem Islam hat durch die politisch korrekten Fernsehprogramme und Zeitungsartikel nicht ab-, sondern eher zugenommen. Nur wenige glauben, dass die multikulturelle Gemeinschaft eine Bereicherung ist. Aus Erfahrung wissen viele, dass die neuen Immigranten oft viel intoleranter sind als die Mehrheit der Bevölkerung des Aufnahmelandes. Die Immigranten aus Nordafrika und der Türkei nehmen die Toleranz ihrer neuen Nachbarn gern in Anspruch, zeigen aber selten, dass sie die genossene Toleranz auf ihre eigene Art übernehmen und Andersdenkenden genauso tolerant gegenüberstehen, wie sie es von ihren Nachbarn fordern. Man muss nicht rassistisch oder fremdenfeindlich sein, um neuen Mitbürgern mit Vorsicht zu begegnen, die in Kulturen aufgewachsen sind, wo Christen, Juden, Homosexuelle und Ungläubige von klein auf verachtet werden. Und man muss kein Hellseher sein, um zu wissen, dass in der Folge eine Abstimmung über Minarette von der Mehrheit der Bevölkerung eines europäischen Landes dazu genutzt wird, ihre Frustration über die politischen Machthaber und die Mediengurus kundzutun.

Zugleich müssen wir im Auge behalten, worum es in der schweizerischen Abstimmung ging. Um Minarette. Das schweizerische Minarett, das ich auf einem Foto gesehen habe, war potthässlich, und es wäre um einiges eleganter gewesen, wenn die Ablehnung des Baus von Minaretten auf ästhetischen Grundsätzen gefusst hätte. Frustration ist ein so schwierig zu handhabender Begriff, und absolut nicht cool oder hip. Und obwohl ein Unmut besteht gegenüber jenen intoleranten neuen Mitbürgern, die voller Hingabe einem Glauben anhängen, der ziemlich primitiv und gewalttätig wirkt – die tiefste Frustration entstammt dem Gefühl, dass die eigenen Eliten jahrelang so getan haben, als sei nichts los, als sei die Immigration von Hunderttausenden oder Millionen von Menschen aus nichtwestlichen Kulturen eine nette Bereicherung der Gesellschaft und als sei jede Kritik an dieser Illusion eine Form von rechtsradikalem Rassenhass.

Die Krisen des Islams

Durch die Immigration von Muslimen haben wir die existenziellen Krisen der islamischen Welt nach Europa geholt. Mit Marokkanern, bei denen sich die tiefe Schizophrenie der Berber findet, die kein Wort Arabisch sprechen und die mit einer gespaltenen Identität aufwachsen. Mit Türken, die in der absoluten Überzeugung leben, dass ihre türkische Identität jeder anderen überlegen sei, die aber dennoch bei ungläubigen Europäern drittklassige Stellen suchen müssen, um wirtschaftlich zu überleben. Mit Gläubigen, die noch immer dem Niedergang des osmanischen Kalifats hinterhertrauern, des grossen islamischen Reichs, das über einen grossen Teil der Welt herrschte. Mit dem Unvermögen zahlreicher Muslime, Anschluss an die Modernität zu finden, kritisch und kreativ zu denken und zu Kunst und Wissenschaft beizutragen – Muslime beantragen kaum Patente aus Erfindungen, weil sie nun mal nichts erfinden (wenn wir die Erfindung des Selbstmordattentäters einmal ausser acht lassen – ausserdem erscheint mir das nicht als eine Errungenschaft, für die man ein Patent bekommen kann).

Zugleich haben wir alle europäische Muslime kennengelernt, die hart arbeiten und es zu etwas bringen wollen, so wie wir alle. Aber unsere Politiker wollten den Schmerz angesichts dieser massiven Migrationsströme nicht benennen – weder den Schmerz des Migranten noch den Schmerz der einheimischen Bevölkerung.

Europäische Gesetze, denen sich auch die Schweiz angeschlossen hat, werden auf Dauer das Resultat dieser Abstimmung für nichtig erklären. Die Symbolik bleibt. Was auch bleibt, ist die unglaubliche Selbstbeherrschung europäischer Völker, die viele Millionen Menschen aus fremden Kulturen aufgenommen haben, welche selbst nicht gefeit waren vor Xenophobie – zähneknirschend, mit Erstaunen, Verwirrung, und die sich trotzdem nie, ein paar Neonazis ausgenommen, einer gewalttätigen Ablehnung grösseren Umfangs überlassen haben. Die Schweizer haben keine Moscheen angezündet, keine Muslime durch die Strassen gejagt, sondern sie haben den Bau von Minaretten abgelehnt.

Aus dem Blickwinkel der Geschichte der menschlichen Grausamkeit ist das ein Akt grosser Zivilisation.
C: NZZaS, 6.12.09
Achse des Guten

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2 Responses to «Die Schweizer haben keine Moscheen angezündet» Lesepflicht

  1. […] «Die Schweizer haben keine Moscheen angezündet» Lesepflicht … […]

  2. sayadin sagt:

    Ach ich finde die Diskussion kleinlich. Die islamische Baukunst hat viele Beispiele geliefert das sie eine Bereicherung für die Welt ist. Aber die Schweizer sind eben genau so kleinlich wie viele Islamisten.
    Die Pläne für die Mosche in Kölle z.B. finde ich sehr gelungen. Und es ist einfach peinlich das sie die Moslems in hässlichen Fabrikgebäuden treffen müssen. Wenn man stolz ist auf sein Gotteshaus dann fühlt man sich in der Gesellschaft angekommen.

    Die Welt braucht mehr Großzügikeit.

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