„Wir werden mit Palästina erpresst“

Der Iraker Najem Wali hat Israel bereist und ist verblüfft: Israels Palästinenser leben besser als alle ihre Brüder in den arabischen Staaten

Herr Wali, Sie haben ein höchst ungewöhnliches Buch geschrieben. In „Reise in das Herz des Feindes“ (Hanser, München. 239 S., 17,90 Euro) schreiben Sie, ein irakischer Schriftsteller, von Ihren Erfahrungen und Eindrücken in Israel, das Sie für mehrere Wochen besuchten. Wie waren die Reaktionen auf arabischer Seite?

Najem Wali:

Ich schreibe schon seit einiger Zeit regelmäßig Kolumnen für „al-Hayat“, der größten arabische Zeitung. Immer wenn es zu Selbstmordattentaten kam, habe ich diese verurteilt. Das hat mir in bestimmten Kreisen nicht gerade Freunde gemacht. Ich gehöre zu einer kleinen Gruppe von arabischen Schriftstellern, die offen wagt, diese Gewalt zu verdammen. Mit diesem Buch habe ich noch mehr gewagt: Ich bin nach Israel gereist. Dieser Reisebericht ist einmalig in der Geschichte der arabischen Literatur. Denn von Israel, unserem Hauptfeind, haben wir nur ein offizielles Bild und dagegen schreibe ich an. Freilich muss man genauer auf die Gruppen schauen, die mich nun kritisieren. Zum einen sind es palästinensische Publizisten, zum anderen Islamisten, die mich beschimpfen und bedrohen. Nun bin ich sogar auf die Abschussliste des sogenannten irakischen Widerstandes gelangt. Ich gelte als Verräter. Das kann vor allem für meine Familie im Irak gefährlich werden. Übrigens habe ich auch einige deutsche Freunde verloren, die es nicht akzeptieren konnten, dass ich ihren Vorurteilen widerspreche.

Wenn den arabischen Staaten Palästina so wichtig ist, warum behandeln sie die Palästinenser nicht besser?

Wali:

Eine gute Frage. In den arabischen Ländern löst man das palästinensische Flüchtlingsproblem bewusst nicht, damit – so die offizielle Begründung – die Palästinenser nicht ihre Identität verlieren. Wenn wir sie wie gleichberechtigte Bürger behandeln, dann werden sie ihre Identität vergessen. Deshalb bekommen die meisten von ihnen keinen Pass und kein Ausweis. Sie müssen weiter in Lagern leben, bis Palästina befreit wird. Die Palästinenser in Israel haben viel mehr Freiheiten und Rechte als die Palästinenser in arabischen Staaten. Ich war in Haifa und habe dort lange mit den Palästinensern gesprochen. Sie sind freie Bürger. Sie haben ihre Volksvertreter im israelischen Parlament. In den arabischen Ländern haben die Palästinenser nur eine Rolle: Sie werden als fünfte Kolonne gegen die Einheimischen eingesetzt.

Kommen wir zurück auf Ihre Reise. Was war an Israel für Sie das Überraschendste?

Wali:

Für mich war die überraschendste Erkenntnis, dass alles, was wir in den arabischen Staaten von den Palästinenser in Israel hören, also von den Palästinensern, die 1948 nicht vertrieben wurden oder ihr Bleiben erkämpft haben, sondern in Israel mit israelischem Pass leben, dass all diese Nachrichten über eben diese Palästinenser gelogen sind. Das ganze Leid ist eine große Lüge. Ich meine nicht die Palästinenser in Gaza und Westjordanland. Ich meine die Palästinenser in Israel. In keinem einzigen arabischen Land lebt ein Palästinenser so gut wie sie. Ich will nicht sagen, dass alles vollkommen ist. Das ist es natürlich nicht, aber wenn Sie vergleichen, dann muss man es einfach zugeben: In keinem anderem arabischen Staat haben die Palästinensern so viele Rechte wie in Israel. Selbst jetzt in der Gaza-Krise: Es herrscht Meinungsfreiheit; die Palästinenser können wählen. Zwei palästinensische Parteien wurden im Vorfeld der Wahlen verboten. Das israelische oberste Gericht hat diese Verbote aufgehoben. Das gibt es in keinem arabischen Staat – nicht in Ägypten, nicht im Libanon, nirgends. Das war die große Überraschung. Die zweite Überraschung: Die Israelis haben Angst so wie wir. Das sind nicht die Superteufel. Ich habe die Angst vor der Vernichtung fast täglich gespürt.

Welt

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: