„Viele türkische Familien investieren nicht in die Bildung ihrer Kinder“

Hamburger Abendblatt:

Die Bildungsmisere ist, was die Ausländerkinder angeht, ungebrochen. Woran liegt das?

Necla Kelek:
Na ja, so generell kann man das nicht sagen. Das gilt ja nicht für alle Migrantengruppen. Die Vietnamesen beispielsweise schicken ihre Kinder zu 70 Prozent auf die Gymnasien. Die verfolgen also ganz offensichtlich ein anderes Familienkonzept als die Türken. Ich erkenne ein großes Problem darin, dass vor zwanzig Jahren eine interkulturelle Pädagogik installiert wurde, die sagte: „Wir akzeptieren die Migranten und die von ihnen mitgebrachte Kultur und fördern sie darin.“ Das sehen wir ja, dass das nicht geklappt hat! In Deutschland wird sehr viel Geld für die Integration von Migranten ausgegeben. Innerhalb der Wissenschaft übrigens auch. Wenn es also trotzdem nicht geklappt hat, müssen wir doch begreifen, dass die Kraft nicht darin liegt, den Migranten zu sagen: „Wir akzeptieren euch, wie ihr seid“, sondern wir müssen sie darin unterstützen, dass sie Bürger werden. Wenn wir sie aber weiter in einem Familienkonzept unterstützen, in dem die Kinder dafür da sind, dass man sie verheiratet, dass sie wieder Kinder kriegen, dass die Kinder den Eltern dienen und gehorchen, dann klappt das nicht. Viele, sehr viele türkische Familien investieren nach wie vor nicht in die Bildung ihrer Kinder. Sie sparen das Geld für die Hochzeiten. Eltern verheiraten ihre Kinder im Alter von 15, 16 Jahren und geben 20 000 Euro für eine Hochzeit aus. Wie soll das denn, bitte schön, Integration schaffen?

Hamburger Abendblatt:

Was müsste also getan werden?

Necla Kelek:
Man muss offen darüber sprechen, dass es ein türkisches Familienkonzept gibt, und dass es in der Struktur dieses Konzeptes liegt, dass die Familien nicht bildungsorientiert sind. Nicht, weil sie kein Geld haben, sondern weil sie diese Struktur verinnerlicht haben und nicht loslassen. Das bedeutet: Aufklärung, Aufklärung, Aufklärung. Wir dürfen nicht sagen: „Die Integration der Türken ist an den Deutschen gescheitert“, das mache ich nicht mit. Andere Migrantengruppen hatten doch genau dieselben Chancen. Warum geht es bei denen besser? Das ist, aus meiner Sicht, die entscheidende Frage.

Abendblatt

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