Adolf Ahmadinejad vor den UN

In den Vereinten Nationen gab es eine Premiere: Am Dienstag dieser Woche wurde die Rednertribüne der Vollversammlung erstmals für unverhohlene antisemitische Aufstachelung genutzt. Ausgerechnet vor jener Organisation, die im Widerstand gegen die Nazis und als die Quintessenz der Lehren aus den Verbrechen des II. Weltkriegs gegründet worden war – ausgerechnet im UN-Hauptquartier konnte am 23. September 2008 die antijüdische Paranoia eines Adolf Hitlers fröhliche Urständ feiern.

Dass Ahmadinejad seine UN-Auftritte zu Predigten umfunktionieren pflegt, in denen die Wiederankunft des schiitischen Messias herbeigesehnt wird (fünf Stoßgebete für den 12. Imam waren es in diesem Jahr) – ist entsetzlich genug. Diesmal aber war seine Rede zusätzlich von den „Protokollen der Weisen von Zion“ inspiriert.

Auf der einen Seite, erklärte er den Delegierten aus aller Welt, stünden „die Würde, die Integrität und die Rechte der amerikanischen und europäischen Völker“ und auf der anderen Seite deren ewiger Feind: „die kleine aber hinterlistige Zahl von Leuten namens Zionisten.“

Obwohl sie nur eine unbedeutende Minderheit seien, belehrte er die Weltgemeinschaft, „beherrschen sie in einer tückischen, komplexen und verstohlenen Art und Weise einen wichtigen Teil der finanziellen Zentren sowie der politischen Entscheidungszentren einiger europäischer Länder und der USA.“ Zionistische Juden seien weltweit derart einflussreich, „dass einige Präsidentschafts – oder Ministerpräsidentschaftskandidaten gezwungen seien, diese Leute zu besuchen, an ihren Zusammenkünften teilzunehmen und ihre Treue und Verpflichtung gegenüber ihren Interessen zu schwören, um finanzielle und mediale Unterstützung zu erhalten.“

Doch auch „die großen Völker Amerikas und verschiedene Nationen in Europa“ seien im jüdischen Griff: Sie „müssen einer kleinen Zahl habgieriger und aggressiver Leute gehorchen. Obwohl sie es nicht wollen, überlassen diese Nationen ihre Würde und ihre Ressourcen den Verbrechen, Besatzungen und Bedrohungen des zionistischen Netzwerks.“

Doch Befreiung ist in Sicht: Unaufhaltsam, so Ahmadinejad, „schliddert das zionistische Regime in den Zusammenbruch.“ Es habe nicht die geringste Chance, „aus der von ihm selbst und seinen Unterstützern erzeugten Jauchegrube wieder herauszukommen.“

Natürlich ist der Antisemitismus, den Ahmadinejad in New York predigte, nicht neu. Schon im Dezember 2006 hatte er vor der internationalen Konferenz der Holocaust-Leugner in Teheran die Auslöschung Israels als den wichtigsten Schritt zur „Befreiung für die Menschheit“ propagiert und damit eben jenem „Erlösungsantisemitismus“ (Saul Friedländer) das Wort gesprochen, der schon dem „Befreiungswerk“ der Nazis zugrunde lag.

Neu ist, dass Irans Präsident damit vor den Vereinten Nationen reüssiert – und damit durchkommt und gar Beifall erhält! In Deutschland war es zwar nur die „Junge Welt“, die als inoffizielles Parteiorgan der Mullahs auch diese Rede feierte. Doch auch das Schweigen und die Indifferenz in den etwas bedeutsameren Medien ist bemerkenswert.

Nehmen wir einmal an, ein CDU-Abgeordneter würde vor dem Bundestag so sprechen, wie Irans Präsident vor der UN: Der Skandal wäre perfekt. Schlagzeilen, erregte Debatten, Sanktionierungen folgten auf den Fuß. Wenn aber ein muslimischer Führer vor den Vereinten Nationen denselben Antisemitismus verbreitet und mit etwas Antiimperialismus und Erlösungsglaube verrührt, scheint alles irgendwie verständlich und nur halb so schlimm. Man murmelt etwas von „starker Rhetorik“, dreht sich um und schläft weiter.
Vielmehr standen mit Henryk Broder die Kritiker des Antisemitismus unter Beschuss. Nicht die Empörung über den Antisemitismus, sondern die Empörung über jene, die noch „unter jedem Stein nach Antisemiten suchen“ war en vogue. Man hatte den Eindruck, dass sich eine eingeschüchterte deutsche Öffentlichkeit vor „Antisemitismus-Jägern“ kaum noch retten könne….

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