Ägypten: Konvertiten und Baha’i wie Aussätzige behandelt

Frankfurt / Osnabrück / Kairo (25. Oktober 2007) – Der Vorstandssprecher der Internationalen Gesellschaft für Menschenrechte (IGFM) hat den ägyptischen Religionsminister Prof. Dr. Mahmoud Hamdi Zakzouk aufgefordert, sich von der Todesstrafe für öffentlich bekennende Konvertiten zu distanzieren. Lessenthin: „Die öffentliche Hinwendung zu einer anderen Religion ist nicht staatsgefährdend für Ägypten. Sie ist auch für keinen anderen Staat eine Gefahr.“ Minister Zakzouk, der gleichzeitig Präsident des Rates für religiöse Angelegenheiten der Arabischen Republik Ägypten ist, hält am heutigen Donnerstag den Festvortrag bei den Osnabrücker Friedensgesprächen.

Der ägyptische Religionsminister Prof. Mahmoud Hamdi Zakzouk hatte in einem von ihm selbst im Jahr 2004 verfassten Taschenbuch die Hinrichtung von ehemaligen Muslimen gerechtfertigt, die zum christlichen Glauben übertreten und dies nicht verheimlichen. Ein solcher Konvertit „kann sogar des Hochverrats angeklagt werden, der mit dem Tod bestraft wird, nicht weil er seinen Glauben abgelegt hat, sondern weil er durch seine Gedanken Verwirrung im Staat verbreitet und gegen seine Ordnung verstoßen hat.“ So Prof. Zakzouk. Die Hinrichtung Salman Rushdies lehnte er im selben Buch ab, mit einer bemerkenswerten Begründung: „da er nicht in einem islamischen Land lebt.“ Der Vorstandssprecher der IGFM unterstrich demgegenüber: „Die Rechtfertigung der Todesstrafe für öffentliche Religionsfreiheit ist ein Rückfall vor die Aufklärung. Totalitäres Gedankengut darf nicht kommentarlos hingenommen werden.“

Todesdrohungen gegen Konvertiten

In Ägypten ist in der jüngsten Vergangenheit öffentlich, auch in Zeitungen und im Fernsehen, der Tod von vom Islam abgefallene Apostaten gefordert worden. Namhafte Religionswissenschaftler der als „moderat“ geltenden größten ägyptischen staatlichen Al-Azhar Universität, forderten vehement den Tod von Abgefallenen. Dazu gehören die ehemalige Dekanin der Hochschule für Frauen der Al-Azhar, Souad Saleh, Scheich Youssuf al-Badri und der Imam der Moschee ar-Rahman, Scheich Gad al-Mawli Ibrahim. In der Vergangenheit sind Ägypter, die zum Christentum übergetreten sind, wiederholt Opfer staatlicher Willkür, wie Verhaftungen und Misshandlungen, geworden.

Haft, Demütigung und Folter von Konvertiten

Die IGFM berichtete, dass nur durch lang anhaltende internationale Proteste der zum Christentum übergetretene Scheich Bahaa el-Din Ahmed Hussein El-Akkad am 28. April 2007 aus einem Hochsicherheitsgefängnis entlassen worden ist. Der 58jährige dreifache Familienvater El-Akkad war seit dem 6. April 2005 wegen seines Übertrittes zum Christentum in Haft und schwer misshandelt worden. Verhaftungen, Misshandlungen und Folter von christlichen Konvertiten sind in Ägypten keine Einzelfälle. Die Polizei in Alexandria verhaftete am 16. Juli 2007 die 26jährige Konvertitin Eman Muhammad el-Sayed, ums sie anschließend zu verhören, zu demütigen und zu foltern. Die Polizisten lieferten die junge Frau anschließend an ihre islamistische Familie aus, die bereits vorher versucht hatte, die Konvertitin umzubringen. Ihr weiteres Schicksal ist unbekannt.

Am 8. August 2007 sind der ägyptische Menschenrechtler Dr. Adel Fawzy Faltas sowie ein 23jähriges Mitglied der Menschenrechtsorganisation Middle East Christian Association (MECA), Peter Ezzat, in ihren Wohnungen von der ägyptischen Polizei festgenommen worden. Sie hatten sich für den zum Christentum übergetretenen ägyptischen 25jährigen Journalisten, Mohammed Ahmed Hegazy, eingesetzt. Nachdem auch sein Anwalt Todesdrohungen erhalten hatte und von der Verteidigung zurückgetreten war, musste der junge Konvertit aus Port Said mit seiner schwangeren Frau untertauchen.

Ausgrenzung und Übergriffe auf Kopten

Auch die traditionellen christlichen Kirchen und ihre Mitglieder werden in Ägypten marginalisiert. Die Kopten, die sich selbst als Nachfahren der Ägypter vor der arabischen Eroberung sehen, sind, bis auf wenige Ausnahmen, gesellschaftlich an den Rand gedrängt. Viele von ihnen fühlen sich als Bürger zweiter Klasse. Im öffentlichen Dienst – und nicht nur dort – sind sie regelmäßig Opfer von Diskriminierung und Schikanen.

Mehrfach ist es in Ägypten zu schweren gewalttätigen, zum teil pogromartigen Übergriffen gegen die christliche Minderheit gekommen. Am 8 Juni 2007 kam es zu besonders schweren Fällen von Vandalismus in Zawyet Abdel-Qader in der Nähe von Alexandria. Über eineinhalb Stunden hatte ein Mob zwei Koptisch Orthodoxe Kirchen und mehrer Geschäfte örtlicher Christen angegriffen und verwüstet. Die Polizei blieb passiv. Wenig später, am 12 Juni, wurde eine weitere Kirche in Dekheila, ebenfalls bei Alexandria, angegriffen. Durch das Eingreifen von Polizisten entstand hier nur geringer Sachschaden. Übergriffe auf einzelne Kopten und Gewalt gegen koptische junge Frauen sind keine Seltenheit. Ägyptische Christen beklagten, dass durch die fehlende Strafverfolgung eine Atmosphäre entstanden sei, die solche Übergriffe begünstige.

Keine Bürgerrechte für Baha’i und andere religiöse Minderheiten

Der ägyptische Staat erkennt nur Islam, Judentum und Christentum als Religionen an. Atheismus existiert offiziell nicht, ebenso wenig wie die Baha’i, bei denen es sich um eine vom ägyptischen Staat nicht anerkannte Religion handelt. Ihre seit 1867 in Ägypten ansässige Gemeinde ist seit 1960 verboten, ihr Besitz bis heute beschlagnahmt. Seither kam es nicht nur zu Schikanen gegen Baha’i, sondern auch wiederholt zu Verhaftungen, teilweise landesweit.

Die ägyptischen Behörden stellten und stellen bis heute Baha’i keine Personalausweise, Geburtsurkunden, Heiratsurkunden und andere Personenstandsdokument aus, wenn sie nicht formal zum Islam übertreten. Der Klage eines Ehepaares gegen diese Praxis hatte ein erstinstanzliches Verwaltungsgericht am 4. April 2006 zunächst stattgegeben. Dennoch stellte die Urteilsbegründung dem ägyptischen Staatswesen kein schmeichelhaftes Zeugnis aus: „Es widerspricht islamischer Rechtssprechung nicht, eine Religion im Ausweis anzugeben, auch wenn die Riten dieser Religion nicht öffentlich ausgeübt werden dürfen [sic!], wie im Fall der Bahà’i oder anderer“, so die Richter, damit der Ausweisinhaber „nicht den rechtlichen Status genießt, den er ansonsten in einer muslimischen Gesellschaft hätte.“

Massiver Druck zum Übertritt zum Islam

Um weiterhin den Baha’i keine Ausweise ausstellen zu müssen, legte die ägyptische Regierung gegen das Urteil Berufung ein. Am 16. Dezember 2006 entschied das ägyptische Oberverwaltungsgericht schließlich, dass Baha’i nicht das Recht hätten, in Ausweispapieren ihre tatsächliche Religion eintragen zu lassen.

So erhalten Bahá’í bis auf den heutigen Tag in Ägypten keine Personalausweise oder andere wichtige Urkunden. Sie können ohne Personalausweis durch die noch immer geltenden Notstandsgesetze jederzeit verhaftet werden. Ärztliche Behandlung in Anspruch nehmen können sie nicht, sie können ihre Kinder nicht in der Schule anmelden, kein Konto eröffnen, keine Verträge abschließen, keine Renten beziehen.

Sie können auch nicht heiraten oder ihre Kinder registrieren lassen, da kein Personenstandsgericht für sie zuständig ist. Als Ausweg bleibt ihnen nur, sich zu Muslimen zu erklären. Schätzungen zufolge sollen noch rund 2.000 Baha’i in Ägypten leben. Die Zahl der Juden soll auf weniger als 200 Personen geschrumpft sein.

Hohn des Ministers für religiöse Angelegenheiten

Prof. Mahmoud Zakzouk, der ägyptische Minister für religiöse Angelegenheiten, sieht dagegen keine Probleme. Gegenüber der Neuen Osnabrücker Zeitung behauptete er in einem Interview am gestrigen Mittwoch: „In Ägypten hat jeder Bürger unabhängig von seiner Religion die gleichen in der Verfassung verankerten Bürgerrechte, also auch das Recht auf die Ausübung seiner Religion.“ Nicht nur für Baha’i, Konvertiten und Kopten müssen diese Worte wie Hohn klingen.

Gleiches in Deutschland?

Der Vorstandssprecher der IGFM, Martin Lessenthin, lädt zu einem Gedankenexperiment ein: „Was wäre, wenn der Dalai Lama Ägypter wäre, oder was wäre, wenn er sich für Ägypter einsetzen würde, die zum Buddhismus übergetreten sind? Was wäre, wenn es in Deutschland einen Religionsminister gäbe, der die Hinrichtung von Bürgern fordern würde, die zum Islam übergetreten sind? Natürlich nicht wegen des Übertritts, sondern weil sie mit ihren ‚Gedanken Verwirrung im Staat verbreiten und gegen seine Ordnung verstoßen‘ wie Minister Zakzouk es formuliert.“ Die Gesetzeslage und die Rechtspraxis in Ägypten stehen nach Einschätzung der IGFM in krassem Widerspruch zu internationalen Rechtsstandards. Und das obwohl Ägypten sogar Mitglied des Menschenrechtsrates der Vereinten Nationen ist und den völkerrechtlich bindenden Internationalen Pakt über bürgerliche und politische Recht ratifiziert hat.

Quelle

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One Response to Ägypten: Konvertiten und Baha’i wie Aussätzige behandelt

  1. Jacques Auvergne sagt:

    IGFM informiert klasse. Bahá’í sind historisch nachmuslimisch, entsprechend werden sie von islamischen Hardlinern als schlimmste Abweichler verstanden. Den verantwortlichen Zakzouk-Einladern zu den Friedensgesprächen sollte man sich einmal literarisch und wütend widmen.

    Bahá`í unter Wikipedia:
    http://de.wikipedia.org/wiki/Bahai

    Sehr fein ist die moderne Tempelarchitektur.

    Bis auf (im Vergleich zum Islam allerdings relativ milde) leichte Homophobie stehen die Bahá’í einer modernen Wissensgesellschaft, einer auf persönliche Freiheit hin orientierten und pluralen Gesellschaft sehr aufgeschlossen gegenüber.

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