„Dieser Kalte Krieg kann 100 Jahre dauern“

Er verfasste das islamkritische Buch „Warum ich kein Muslim bin“ und schreibt aus Angst vor einer Fatwa unter falschem Namen: Im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE erklärt Ibn Warraq, warum der Westen einen Kalten Krieg gegen den Islam führen muss.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben vor kurzem gesagt: „Wir brauchen einen Kalten Krieg gegen den Islam.“ Wollen Sie das wirklich?

Warraq: Ja, ich meine es ernst. Wir werden einen „heißen Krieg“ gegen den Islam nie gewinnen, selbst wenn es uns gelingen sollte, Gruppen wie al-Qaida zu vernichten. Denn jeden Tag werden neue Islamisten geboren. Wir müssen gegen die Ideen, gegen die geistige Verfassung ankämpfen, und dabei können wir aus den Erfahrungen lernen, die wir im Kalten Krieg gegen den Kommunismus gesammelt haben. Dazu gehört ein kritischer, ein rationaler Blick auf die Ursprünge des Islam, die Quellen des Koran.

SPIEGEL ONLINE: Und dann wird es einen reformierten Islam geben?

Warraq: Es geht nicht um Reformen oder eine neue Interpretation des Koran. Wenn es in einer Sure heißt: Der Mann darf seine Frau schlagen, dann gibt es daran nichts zu interpretieren. So steht es da und so ist es auch gemeint. Einige muslimische Feministinnen tun so, als ob man diese Sure auch ganz anders verstehen könnte, aber das ist nicht ehrlich.

SPIEGEL ONLINE: Was würde dann von der muslimischen Kultur, dem Islam übrig bleiben?

Warraq: Es wäre eine private Angelegenheit zwischen dem Gläubigen und seinem Gott. Wir hätten auch in muslimischen Gesellschaften eine Trennung von Staat und Religion. In der Politik muss man argumentieren, verhandeln und Kompromisse schließen. In einem theokratischen Staat ist das nicht möglich. Mit Gott kann man nicht feilschen.

SPIEGEL ONLINE: Sie unterscheiden nicht zwischen Islam und Islamismus, wie es in Europa üblich ist.

Warraq: Nein, ich halte das für irreführend. Wenn Sie differenzieren möchten, dann könnten Sie sagen: Der Islam ist keine friedliche Religion, aber es gibt viele friedliche Muslime. Sie könnten auch sagen: Der Islam ist nicht das, was die Muslime tun sollten, es ist das, was sie tun. Deswegen unterscheide ich zwischen drei Schichten des Islam: dem Koran, der Auslegung durch die Theologen und der täglichen Praxis. Und die war meistens liberaler und toleranter als das, was die Schriftgelehrten uns vermitteln wollten.

SPIEGEL ONLINE: Geben Sie uns ein Beispiel.

Warraq: Nehmen Sie die Frage der Homosexualität. Leider erleben wir gerade eine Rückkehr zur wörtlichen Auslegung. Das hat viele Ursachen, darunter die Unterlegenheit der Muslime, was ihre kulturelle, wirtschaftliche und politische Entwicklung angeht. Sie können mit dem Rest der Welt nicht mithalten und fragen sich: „Warum ist das so? Warum versagen wir?“ Und sie antworten: „Weil Gott uns böse ist. Wir müssen wieder gute Muslime werden, damit Gott uns wieder lieb hat.“

SPIEGEL ONLINE: Das verheißt nichts Gutes für die Zukunft.

Warraq: Es ist noch nichts entschieden. Ich sehe allerdings eine zunehmende Militanz bei den Muslimen und eine wachsende Bereitschaft zum Appeasement im Westen, eine schleichende Scharia. In England soll demnächst ein Gesetz zum Schutz religiöser Gefühle verabschiedet werden, das eine Kritik am Islam unmöglich machen würde. Es wäre das Ende jeder Debatte.

SPIEGEL ONLINE: Gibt es etwas, das Sie hoffnungsvoll stimmt?

Warraq: Das Auftreten des australischen Ministerpräsidenten Howard. Er hat den in Australien lebenden Muslimen klar gesagt: „Wer hier lebt, der muss sich an unsere Gesetze halten. Wenn ihr unter der Scharia leben wollt, dann müsst ihr Australien verlassen.“ So klar hat sich kein anderer Politiker geäußert.

Spiegel

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

w

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: