Schauen wir uns die Argumente gegen das amerikanische Unternehmen im Irak an. Ging es uns ums Öl? «Kein Blut für Öl», riefen die Kriegsgegner. Wir zogen in den Krieg, und der Ölpreis stieg von 28 auf 70 Dollar, was der amerikanischen Volkswirtschaft einen unmittelbaren Schaden von 500 Milliarden Dollar verursachte. Wir nahmen niemandem das Öl weg. Erstmals in der Geschichte des Iraks hat jetzt ein autonomes Ministerium Kontrolle über das irakische Öl.
Der Krieg war illegal?
Wir haben ein repräsentatives Regierungssystem. Im Oktober 2002 stimmten beide Häuser des Kongresses für die Entmachtung Saddams, und zwar mit 23 aufgeführten Begründungen. Es war dies kein neokonservatives, republikanisches Projekt, sondern ein überparteiliches Bestreben, einen Casus Belli zu formulieren. Enthalten darin war alles, angefangen von den Massenmorden über den Mordversuch an einem ehemaligen US-Präsidenten bis zu den Angriffen auf Nachbarstaaten, der Missachtung von Uno-Resolutionen etc. Nur zwei dieser 23 Punkte betrafen Massenvernichtungswaffen.
Was sind die Ergebnisse dieses Kriegs?
Es gibt keinen 50-Milliarden-«Oil for Food»-Skandal mehr. Die Iraker haben erstmals eine verfassungsmässige Regierung. Die Kurden werden nicht mehr von Saddam bedroht. Die Schiiten sind erstmals entsprechend ihrem Bevölkerungsanteil an der Regierung beteiligt. Der ganze Nahe Osten spürt die Auswirkungen des Kriegs. Libyen hat seine Massenvernichtungswaffen aufgegeben. Die Syrer haben den Libanon verlassen. Die Golfstaaten stehen unter dem Druck, demokratischer zu werden und Frauen eine grössere Rolle in der Gesellschaft einzuräumen. Dr. Khan in Pakistan musste sein nukleares Versandgeschäft aufgeben. Und was hat der Krieg den USA gebracht? 2400 tote Amerikaner, 20000 verwundete Amerikaner, 500 Milliarden Ausgaben. Wofür denn? Für Öl? Nein. Für mehr Handel? Nein. Was soll dieses europäische Gerede?
Die Europäer glauben ans Völkerrecht und meinen, dass die Uno es bewahren muss. Hat der Präventivkrieg im Irak das Völkerrecht nicht untergraben?
In der Zeit nach dem Afghanistankrieg, zwischen Dezember 2001 bis zur Invasion im März 2003, konsultierten die USA ihre Alliierten, mit dem Ergebnis, dass mehr alliierte Staaten im Irak dabei sind als im Koreakrieg. Wir haben uns an die Uno gewandt. Aber die Uno ist wie eine Kette, die bloss so stark ist wie ihr schwächstes Glied. Wenn im Sicherheitsrat eine autokratische Regierung wie diejenige Chinas sitzt, auf der das Erbe lastet, siebzig Millionen der eigenen Bevölkerung umgebracht zu haben, oder wenn die meisten Staaten in der Generalversammlung keine Demokratien sind, dann wäre es für die USA töricht, ihr Vertrauen in ein System wie die Uno zu setzen.
Niemand glaubt, dass der Iran oder sonst eine islamische Macht in Europa einmarschieren wird.
Sie braucht nicht einzumarschieren. Alles, was sie braucht, ist eine Dreistufenrakete mit einer 40-Kilotonnen-Ladung, und dann kann sie den Deutschen sagen: «Wir wollen, dass ihr uns dies und dies und dies verkauft; wir wollen, dass ihr Israel jede Unterstützung versagt. Wenn ihr es nicht tut, dann haben wir die Möglichkeit, Frankfurt zu zerstören. Uns ist egal, was ihr dann mit Teheran macht, weil wir das Paradies dem irdischen Leben vorziehen,
Wer in dieser halsabschneiderischen Welt gefährdet die Europäer? Die Islamisten?
Es gibt Leute, die von Europa schmarotzen wollen. Ihnen gefallen zwar die Freiheit und der Reichtum, die Europa ihnen bietet, aber sie nehmen Europa das übel, was sie Dekadenz nennen: Gleichheit der Frauen, lockere Sexualität, Laizismus
und Ländern wie dem Iran, der in Teheran keine sunnitische Moschee erlaubt, oder Saudi-Arabien, das keine christliche Kirche bei sich duldet? Wer ist der Feind? Amerika, das Leuten aller Religionen erlaubt, sich frei auszudrücken, oder Länder im Nahen Osten, die, was religiöse Toleranz angeht, im dunkelsten Mittelalter leben? So wie das Christentum fanatisch sein kann, kann auch der Laizismus fanatisch sein
ganze Interview in der Weltwoche