Aleviten – die anderen Türken in Deutschland

“Wir wollen in Deutschland nicht zwangsislamisiert werden“

Die Aleviten sind die einzige Gruppe aus dem islamischen Kulturkreis, die als Religionsgemeinschaft in Deutschland anerkannt sind. Nordrhein-Westfalen beschloss kürzlich als erstes Bundesland die Einführung eines bekenntnisorientierten Islamunterrichts. Toprak aber will alevitische Lehrstühle an deutschen Universitäten sehen, sowie einen eigenen Religionsunterricht für alevitische Kinder. „Wir wollen auch in Deutschland nicht zwangsislamisiert werden“, sagt er.

Im Alter von zwei Jahren kam Toprak nach Deutschland, aufgewachsen ist er in Recklinghausen. Heute gilt als das deutsche Gesicht der Aleviten. „Für viele sind wir die letzte Hoffnung, dass der Islam doch demokratisch ist“, sagt Toprak. „Aber wir haben eine völlig unterschiedliche und eigenständige Glaubenslehre. Wir respektieren zwar den Koran genauso wie die Bibel, aber wir lesen daraus keine Handlungsanweisung. Wir lehnen die Scharia ab. Alevitische Frauen tragen weder Schleier noch Kopftuch. Ich fühle mich mehr als Alevit und weniger als Muslim. Wenn man alles gegenüberstellt – da bleiben wenig Gemeinsamkeiten.“ Dem Islam wirft er vor allem mangelnde Toleranz vor.

Ramadan ist schlimmste Zeit des Jahres

Auch in Deutschland werden alevitische Kinder gemobbt. Die 17-jährige Ceren etwa hat sich oft verstecken müssen. Die Alevitin besucht die elfte Klasse eines Gymnasiums. In ihrer Grundschulzeit hat sie während des Fastenmonats Ramadan oft heimlich auf dem Schulhof ihr Pausenbrot gegessen. „Von muslimischen Kindern wurde ich häufig als ungläubig beschimpft, weil ich nicht einen Monat lang gefastet habe“, sagt sie. Überhaupt ist Ramadan für die Aleviten die schlimmste Zeit des Jahres. Besorgte Mütter aus ganz Deutschland rufen bei der Alevitischen Gemeinde an, weil ihre Tochter als Schlampe beschimpft wird, wenn sie kein Kopftuch trägt oder einen Minirock.

Lange haben die Aleviten ihre Zugehörigkeit verborgen. Möglichst nicht auffallen war die Devise. In manchen Familien wussten nicht einmal die Kinder, dass sie Aleviten sind. Ihre Unterdrückung gipfelte im Massaker von Sivas. Am 2. Juli 1993 steckte ein aufgebrachter Mob ein Hotel in Brand, in dem alevitische Intellektuelle logierten, die zu einer Feier in die anatolische Stadt gekommen waren. 37 Menschen starben. Die türkische Regierung sprach von einem traurigen Vorfall.

Türkei in der EU?

Unter dem Dach der Union hat sich jüngst ein christlich-alevitischer Freundeskreis etabliert. Einig ist man sich auch in der Skepsis um einen EU-Beitritt der Türkei. „Angeblich hat der türkische Ministerpräsidenten Recep Tayyip Erdogan sein Land der EU angenähert“, sagt Toprak. „Doch die türkische Gesellschaft ist religiöser und konservativer geworden. Wir befürchten eine Re-Islamisierung in der Türkei. Dieser Staat schimpft sich laizistisch, betreibt aber eine staatliche Religionsbehörde mit rund 100.000 Staatsbediensteten.“ Zwar wolle man die Türkei langfristig in der EU sehen – aber nicht in ihrem jetzigen Zustand, sondern als modernes, säkulares Land. Die Türkei aber entwickle sich schleichend zu einem islamischen Staat.

In ihrem Ursprungsland werden die Aleviten noch immer diskriminiert. Im höheren Staatsdienst etwa ist kein Alevit zu finden – dabei sind rund 30 Prozent der Türken Aleviten. Bei seinem Deutschland-Besuch vor drei Jahren hatte Erdogan die in Deutschland lebenden Türken zur Integration aufgefordert, zugleich aber vor völliger Aufgabe ihrer kulturellen Identität gewarnt. Am vergangenen Wochenende wiederholte er bei einem neuen Auftritt in Düsseldorf seinen Standpunkt. „Ich sage Ja zur Integration. Ihr müsst euch integrieren, aber ich bin gegen Assimilation,“ rief Erdogan den rund 10.000 Zuhörern zu.

Aleviten in deutscher Gesellschaft verwoben

„Das ist zynisch, denn in seinem eigenen Land zwingt er die Aleviten zur Assimilation“, sagt Toprak zu derlei Positionen. „Die Türkei ist ein verbohrter, nationalistischer Staat, der völlig unkritisch mit seiner Vergangenheit umgeht.“ Die Regierung in Ankara lehnt es etwa vehement ab, ein Museum am Ort des Massakers von Sivas zu errichten. Kürzlich hat auch EU-Menschenrechtskommissar Thomas Hammarberg die Türkei schriftlich ermahnt, der Multireligiosität ihres Landes Rechnung zu tragen und die Religionsgemeinschaft der Aleviten anzuerkennen.

In Deutschland sind die Aleviten – ob sie sich nun selbst noch so bezeichnen oder nicht – längst eng mit der Gesellschaft verwoben. Auffallend viele türkischstämmige Politiker und Akademiker sind Aleviten. Özcan Mutlu, bildungspolitischer Sprecher der Grünen. Memet Kiliç, Vorsitzender des Bundesausländerbeirats. Ekin Deligöz, stellvertretende Fraktionsvorsitzende der Grünen, die vor fünf Jahren in Deutschland lebende Muslima dazu aufforderte, das Kopftuch abzulegen. Seyran Ates, Autorin, Rechtsanwältin, Frauenrechtlerin.

welt

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