Ratlos beginnt Europa zurealisieren, dass die Integration muslimischer Einwanderer zu scheitern droht. Es sind Gegengesellschaften mit archaischen Bräuchen entstanden. Eine britische Studie zeigt jetzt das Ausmass der Entfremdung.
Brandon, der 2003 in Basra von Schiiten entführt und wieder freigelassen wurde, ist Orientalist und spricht Arabisch. Hafez hat in den Emiraten und im Libanon gearbeitet. Die beiden beschreiben, wie mitten in England mittelöstlich-islami-sche Vorstellungen von Ehre sowie von kultureller und religiöser Überlegenheit immer mehr Platz greifen. Als Folge, schreiben sie, «werden überall in Grossbritannien jeden Tag Frauen von ihren Familien mit physischer Gewalt, Vergewaltigung, Mord, Verstümmelung, Entführung und Zwangsheirat bedroht».
Ehrenverbrechen geschähen unter pakistanischen, kurdischen, arabischen, türkischen und iranischen Einwanderern, auch unter indischen Sikhs, heisst es in der Studie. Denn vor allem diese Gruppen gründen ihr kulturelles und religiöses Selbstverständnis häufig auf archaische, sexualisierte Ehrbegriffe, die sozusagen die Grundlage ihres Gemeinschaftslebens darstellen. Immer geht es dabei um Beherrschung und Kontrolle der Frauen, um Identität und Abgrenzung von der britischen Mehrheitsgesellschaft. Das sei auch der Grund, warum die Zwangsheirat so eine grosse Rolle spiele, erklärt die Direktorin einer iranisch-kurdischen Frauenrechtsorganisation: «Eine Ehe wird zwischen Familien geschlossen. Sie ist ein Mittel, um Kultur und Religion zu erhalten und um sich nicht mit der westlichen Kultur zu vermischen.» Dazu kommt das Scharia-Gebot, das Musliminnen strikt verbietet, einen Nicht-Muslim zu heiraten. Die Zwangsehe ist der Ausgangspunkt aller Ehrengewalt bis hin zum Ehrenmord. Denn die Opfer sind fast immer junge Frauen, die sich gegen eine Zwangsverheiratung wehren oder aus einer Zwangsehe entkommen wollen.
Brandon und Hafez berichten sogar von einem landesweiten «informellen Netzwerk, das Frauen aufspürt und bestraft – notfalls mit dem Tod -, die angeblich der Familie und der Gemeinschaft Schande gemacht haben». Geflüchtete Mädchen und Frauen können nicht mehr Taxi fahren, denn das Taxigewerbe ist in England fest in pakistanischer Hand. Weil bei britischen Behörden und Ämtern längst viele Einwanderer arbeiten, werden untergetauchte Mädchen und Frauen immer wieder über Versicherungs- oder Mobiltelefonnummern ausfindig gemacht und an ihre Familien verraten. Übersetzer auf Sozialämtern oder auf Polizeiwachen lügen. Oft ha-ben Sozialarbeiter Angst, mit ihren Schützlingen zur Polizei zu gehen, sagt die Leiterin eines Frauenhauses: «Wir müssen vorsichtig sein mit den Polizisten, besonders mit den asiatischen. Wir gehen nicht zur Polizeiwache, wenn bestimmte Beamte Dienst tun, weil manche von ihnen Täter sind. Einer von ihnen hat schon einmal gesagt, dass er niemals jemanden verhaften würde, der Gewalt gegen seine Frau angewendet hat.» Es gab sogar den Fall eines asiatischen Chief Inspector, der einer Familie helfen wollte, ein Mädchen aufzuspüren.
Von islamischen Verbänden und Moscheevereinen kommt kaum Unterstützung. Der in London ansässige zentrale Islamische Scharia-Rat erklärt die Zwangsehe zur antiislamischen Propaganda. Lokale Scharia-Räte, die überall in England islamische Trauungen vollziehen, verweigern den geflüchteten Frauen oft die Scheidung oder fordern von den mittellosen Opfern Geld. Der Muslim-Rat, der sich als ein Dachverband der Muslime in Grossbritannien betrachtet, hat dazu beigetragen, dass ein scharfes Gesetz gegen die Zwangsehe verhindert wurde. Als Staatsanwalt Afzal einen Imam bat, in der Moschee über Zwangsehen zu sprechen, lehnte der das ab: «Die Gemeinde zahlt mein Gehalt. Wie können Sie von mir erwarten, dass ich ihr etwas sage, das sie nicht hören will?»
Ein Polizei-Captain, der in der stark pakistanisch geprägten nordenglischen Stadt Bradford für gefährdete asiatische Frauen zuständig ist, bestätigt die schockierende Analyse: «Es gibt keinen Wandel innerhalb der asiatischen Gemeinschaft. Seit 1988 hat sich nichts geändert, kein bisschen. Höchstens, dass die Diskussion über Zwangshochzeiten und Ehrengewalt die Medien erreicht hat.» In Bradford und anderen englischen Städten haben Einwanderer der dritten und vierten Generation oft Auffassungen, die so traditionell sind wie die ihrer Eltern, manchmal noch traditioneller. Ernüchterndes Beispiel ist ein 21-jähriger in Grossbritannien aufgewachsener Einwanderersohn, der Staatsanwalt Afzal erklärte, wie er das Verhältnis zwischen Männern und Frauen sieht: «Ein Mann ist wie ein Goldbarren und eine Frau wie ein Stück weisse Seide. Wenn Gold schmutzig wird, dann wischt man es einfach ab. Aber wenn ein Stück Seide schmutzig wird, kriegt man es nie wieder sauber – dann kann man es geradeso gut wegschmeissen.»










Oktober 11, 2008 um 10:09
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