Dreihundert Wörter für ein Leben im fremden Land

Etwa sechshunderttausend Mädchen wird in der Türkei immer noch der Schulbesuch verwehrt - trotz staatlicher Schulpflicht. In einigen Provinzen trifft es jedes zweite Mädchen zwischen sechs und vierzehn Jahren. Es fehlen Schulen, Lehrer, vor allem Lehrerinnen. Weite Wege zur nächsten Schule sind eine zusätzliche Hürde für Mädchen: Die strenggläubigen Eltern, die meist selbst nur über eine minimale Schulbildung verfügen oder Analphabeten sind, vermuten voreheliche Beziehungen bereits im Schulbus. Vor allem aber sind Mädchen unentbehrlich im Haus und auf dem Feld.
Jedes sechste türkische Mädchen wird zudem noch minderjährig verheiratet, über lange Jahre auch ohne Einspruch der Behörden nach Deutschland. Traditionelle Familien kaufen gern junge Frauen für ihre Söhne, auf dass Gehorsam und Abhängigkeit auch in Deutschlands ethnischen Kolonien gewahrt bleiben.

Zudem handelt es sich um eine kulturelle Differenz, die seit Jahrzehnten nach Deutschland importiert wird und sich natürlich auch hier auf den Schulerfolg beziehungsweise Misserfolg sehr vieler türkischer Kinder auswirkt, einerlei, ob sie vom Pass her Deutsche oder türkische Staatsbürger sind. Zu viele von ihnen sprechen kein Deutsch, obwohl sie hier geboren sind; nur eine Minderheit ist in Ausbildung.

Den enormen Kosten allein für die Sprachförderung dieser Mütter und ihrer Kinder - Berlin gibt dafür zum Beispiel jährlich mehr als fünfzig Millionen Euro aus - stehen unbefriedigende Erfolge gegenüber. Was nur beweist, dass nicht jede Fehlentwicklung mit Geld auszubügeln ist und nicht jedes Bildungsdefizit umstandslos den Schulen angelastet werden kann.

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