ZWANGSHEIRAT Achtjährige trennt sich von Ehemann und bangt um ihr Leben

Wochenlang wurde die achtjährige Nojoud Nasser gequält und vergewaltigt – von ihrem Ehemann. Jetzt gelang es dem zwangsverheirateten Kind aus dem Jemen, die Ehe vor Gericht zu annullieren. Doch das Mädchen muss um sein Leben fürchten.

Tatsächlich regelt Artikel 15 des Bürgerlichen Gesetzbuches im Jemen, dass Mädchen und Jungen erst ab dem 15. Lebensjahr heiraten dürfen. Dennoch klafft zwischen gesetzlicher Vorgabe und Realität eine riesige Lücke. Eine Studie des “Women and Development Study Center” an der Universität von Sanaa ergab, dass über die Hälfte der minderjährigen Mädchen zwangsverheiratet wird.

“Laut Scharia kann die Braut eine arrangierte Ehe zwar ablehnen – in der Praxis kommt so etwas aber so gut wie nie vor”, sagte Myria Böhmecke von “Terre de Femmes” SPIEGEL ONLINE. In der Regel werde das Schweigen des Mädchens bereits als Zustimmung gedeutet – den Vertrag schließt der Vater der Braut mit dem zukünftigen Ehemann.

1495 Paare hatten die Wissenschaftler für ihre Studie im Jahr 2006 befragt – die Ergebnisse waren für westliche Begriffe haarsträubend. Zwar stieg das durchschnittliche Ehe-Eintrittsalter bei Mädchen über die letzten drei Generationen von rund zehn Jahren auf 14,7 Jahre. In Regionen wie Hodeidah und Hadramout werden Kinder aber immer noch im Alter von durchschnittlich acht Jahren verheiratet.

Als besonders zerstörerisch wirkt sich aus, dass die Kinder keinerlei Unterstützung erfahren – weder von der Gesellschaft noch von der eigenen Familie. “Selbst wohlwollende Angehörige haben Angst, einzugreifen”, erklärt Böhmecke von “Terre de femme”. “Wenn eine verabredete Heirat nicht stattfindet, bedeutet dies eine schwere Verletzung für die Familienehre. Diese kann nur mit Gewalt gesühnt werden – das heißt per ‘Ehrenmord’.”

Mehr als 400 solcher bestialischen Gewalttaten zählte das Womens Studies Department an der Universität Sanaa im Jahr 1997, der einzigen seriösen Erhebung, die es gibt. Die Dunkelziffer ist um ein Vielfaches höher, weil die meisten “Ehrenmorde” als Unfall getarnt und von sämtlichen beteiligten Familienangehörigen verschwiegen werden. Zudem gibt es keine verlässlichen Daten über Eheschließungen. “Niemand weiß, wo, wann, und von welchem Imam die Mädchen getraut wurden”, so Frauenrechtlerin Böhmecke.

Spiegel

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